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Briefe an Ignatz Bubis 4/5


Zentralrat der Juden in Deutschland
Herrn Ignatz Bubis
Oranienburger Straße 31
10 117 BERLIN

 

Berlin, 17. März 1994

Bubis: Viele Deutsche antisemitisch

 

Sehr geehrter Herr Bubis,

soeben haben Sie im Fernsehen (Kontraste) wieder bedauert, daß die Deutschen offensichtlich antisemitisch eingestellt sind. Auch ich finde das entsetzlich und ich lehne Diskriminierungen aller Art strikt ab. Besonders bin ich gegen jede Form von Antisemitismus. Nicht nur wegen der jüngeren deutschen Geschichte, sondern weil ich die große jüdische Kultur und ihren Einfluß auf Europa außerordentlich schätze und weil es für den Antisemitismus einfach keine intellektuelle Rechtfertigung gibt.

Im vorigen Jahr habe ich Ihnen drei, für meine Begriffe vernünftige, Briefe geschrieben. Sie haben mir nicht geantwortet, sondern mich offensichtlich als Antisemit "selektiert". Warum? Weil ich zwischen deutschen Juden und dem Staat Israel einen bedeutenden Unterschied mache? Ihre offiziellen Erklärungen befassen sich nur mit der Vergangenheit der Juden in Deutschland. Die Gegenwart in Israel existiert für den Zentralrat offiziell nicht. Wo ist Ihre Stellungnahme zum Massaker von Hebron, wo Ihr Kommentar zu den 10.000 Palästinensern in israelischen Gefängnissen, welche Position beziehen Sie zum endlosen Schacher um die Rechte und das Land der Palästinenser, oder zu der Frage, wozu Israel Atomwaffen braucht ... usw., usw. ??

Keine Stellungnahme bedeutet Zustimmung. Die vorbehaltlose (allerdings verdeckte) Unterstützung der Politik Israels durch den Zentralrat leistet dem latenten Antisemitismus in Deutschland Vorschub. Israel verletzt täglich Völker- und Menschenrechte. Wer zu solchem Unrecht schweigt, macht sich mitschuldig: Genau wie vor 50 Jahren, aber heute (entsetzlich !!) mit umgekehrtem Vorzeichen. Indem Sie meine Meinung als "antisemitisch" einordnen, vergrößern Sie völlig ungerechtfertigt den Anteil der Antisemiten unter den Deutschen. Wer die Politik Israels kritisiert, ist ein Antisemit. Eine solche Auffassung ist für mich genau so haarsträubend wie der Antisemitismus selbst.

Ich bin ein Antisemit... wer ist dann kein Antisemit? Sicher muß ich mich fast dafür entschuldigen, daß ich 40 Jahre in der DDR gelebt habe. Deshalb sind mir die Gepflogenheiten in Deutschland (West) noch nicht vollständig geläufig. Erst jetzt wird mir klar, daß man offensichtlich in der Bundesrepublik Deutschland ein Tabu verletzt, wenn man Kritik am Staate Israel übt. Mir will aber absolut nicht einleuchten, daß die "richtige" Vergangenheitsbewältigung nur mit dem Stillhalten zur Politik Israels zu erkaufen ist.

Nach den schrecklichen Erfahrungen der Juden im Dritten Reich habe ich es bis jetzt einfach nicht für möglich gehalten, daß der Zentralrat ähnliche Völker- und Menschenrechtsverletzungen Israels unterstützt, mindestens aber duldet. Wahrscheinlich Ihr Argument: Sie haben (noch ?) nicht das Ausmaß des Hitlerfaschismus. Richtig, aber es sind doch eklatante Verletzungen der Rechte der Palästinenser und der Nachbarn Israels. Was wird der Zentral rat sagen, wenn Israel seine Atomwaffen einsetzt?

Ihre unbegreifliche Position halte ich für historisch so interessant, daß ich Ihnen meine drei Briefe als Kopien noch einmal per Einschreiben zuschicke. So will ich wirklich sicher gehen, daß ich Ihr Verhalten richtig interpretiere. Wenn Sie mir jetzt auch nicht antworten, habe ich Ihr Schweigen richtig gedeutet: Sie haben mich in die antisemitischen Ecke dieser Republik gestellt.

Mit freundlichen Grüßen,
viel Sympathie für Deutschlands Juden,
aber auch heftiger Kritik an der Politik Israels

gez. Jürgen Albrecht

 

Anlagen:
Schreiben Albrecht an Zentralrat vom 29.08.1993
Schreiben Albrecht an Zentralrat vom 17.09.1993
Schreiben Albrecht an Zentralrat vom 14.10.1993

 

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