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Ein Holocaust-Monument f�r Berlin

Der Streit um das Denkmal f�r den j�dischen Holocaust ist immer noch nicht ausgestanden. Heute hat das erste von drei Kolloquien zu diesem Thema in Berlin stattgefunden. Historiker, Politiker und K�nstler reden �ber das, was l�ngst von allen Seiten betrachtet, diskutiert und analysiert worden ist. Fest steht jetzt, da� das Denkmal gebaut wird, da� der Grundstein sp�testens 1999 gelegt wird und da� es nicht mehr als 15 Mio. DM kosten soll. Gesucht ist die Form, die dem Inhalt in allen Aspekten entspricht. Das kann nicht optimal gelingen, weil jeder Mensch eine andere Vorstellung vom Holocaust und seiner Wirkung hat. Nur ein m�glichst guter Kompromi� kann das Ergebnis sein.

Ich bin prinzipiell gegen das Mahnmal. Vor allen Dingen bin ich gegen ein 'Monument'. Aus meiner Sicht sprechen folgende Fakten gegen ein solches Denkmal:

 

  • Das Denkmal kommt 50 Jahre zu sp�t. Diejenigen, die es n�tig gehabt h�tten, nachzudenken und sich zu sch�men, haben das Denkmal bis heute verhindert. Jetzt sind bald alle tot.
  • Der Holocaust ist, nach 50 Jahren besehen, eine so singul�re Erscheinung wie alle f�rchterlichen, historischen Erscheinungen singul�r sind. Warum z.B. gibt es kein Denkmal f�r die Opfer der Intoleranz der christlichen Kirchen?
  • Ein Mahnmal bewirkt nichts und hilft keinem der Opfer. Ein Denkmal ist Politik und Show.
  • Die Uneinigkeit der Opfer des II. Weltkrieges (Juden, Roma, Russen, Polen, Homosexuelle, Behinderte usw.) �ber das Denkmal und die Position der Juden dabei sind besch�mend.
  • Mit seiner t�glich das V�lkerrecht verletzenden Politik provoziert Israel selbst Antisemitismus und diskreditiert durch die N�he zu Nazi-Methoden das Andenken an den Holocaust.
  • Die bisherigen Entw�rfe gehen von der falschen Annahme aus, ein riesiges Verbrechen brauche auch ein riesiges, monumentales Denkmal. Ein solches Monument nach 50 Jahren ist peinlich.

 

Es gibt also wirklich gute Gr�nde, gegen ein Holocaust-Denkmal zu sein. Aber ich bin weit davon entfernt, ein militanter Denkmalsst�rmer zu werden. Wenn die politische Entscheidung gefallen ist, dann sicher mit einer Liste genau so guter Gr�nde, die f�r ein Denkmal sprechen. Auch hier kann es in einer pluralistischen Gesellschaft keine einheitliche Auffassung geben. Um so spannender stellt sich jetzt die Frage, wenn es denn unbedingt ein Mahnmal geben mu�, wie sollte es denn aussehen?

Ich besch�ftige mich schon lange mit dieser Frage. Nicht professionell, denn ich bin weder Künstler noch Architekt. Aber weil ich alt genug bin, um mich deutlich an diesen Krieg zu erinnern, läßt mich dieses Monument nicht los. Die Ausstellung mit den Entw�rfen habe ich mir angesehen. F�r mich sind alle Entw�rfe zu vordergr�ndig, zu trivial oder zu monumental. Heute hatte ich bei den Nachrichten zu diesem Thema pl�tzlich die (aus meiner Sicht) angemessene Idee:

Ein gro�es Rapsfeld, mitten im Zentrum der Metropole Berlin. Rund herum ein staubiger Feldweg, Kornblumen und Mohn am Randes des Rapsfeldes und des Feldweges. Vielleicht ein ganz schmaler Trampelpfad durch das Rapsfeld. Rund herum Hochh�user, Stra�en, brausender Verkehr, Neonreklamen, Gesch�fte, eilige Menschen. Dazwischen ein gro�es Feld, ein gro�er Kontrast. Die Natur sorgt daf�r, da� es jeden Tag anders aussieht. Erst braune Erde, dann ein zartes Gr�n, dann gr�n satt. �ber viele Wochen im Mai ein strahlendes, beziehungsreiches Gelb. Dann dunkleres Gr�n, braun, schmutzig. Holzige Pflanzen, wie Stacheldraht. Undurchdringlich. Millionen von Samenk�rnern. In der Kristallnacht geht das Feld in Flammen auf. Schwarz und verbrannt liegt es im November und Dezember da, bis der Schnee ein Erbarmen hat und es zudeckt. Aber nicht f�r immer. Sp�testens im M�rz ist es wieder braun und der erste gr�ne Schimmer ist zu sehen. Die Menschen hasten vorbei, nur wenige verharren auf dem Feldweg und die Touristen wundern sich: Was soll das Feld hier, mitten in der Gro�stadt?

So sieht in meiner Sicht eine stimmige L�sung aus. Etwas Allt�gliches, das erst im Kopf zum Mahnmal wird. Ein St�ck elementarer Natur. In Ruhe gelassen. Nur das Einfache, Schlichte wirkt in diesem Fall. Es mu� Herz und Kopf erreichen, erst dann bewirkt das Rapsfeld vielleicht bei einigen von uns ein Nachdenken �ber unser jetziges Tun, �ber unsere kleinkarierte Borniertheit und auch �ber unsere Vergangenheit. Jedes Monument bewirkt das Gegenteil: Erregung �ber Zweck, Sinn Anma�ung, Hochmut und �ber verschleuderte Steuergelder.

Ein Jammer, da� ich in der Minderheit bin. Die Masse Mensch und die Politiker, sie lieben die platten, vorgeblich einfachen Wahrheiten, die Trivialit�ten, den Exhibitionismus und die Bildzeitung. Keine Zeit und keine Gesellschaft f�r intelligente, leise, nachdenkliche Zwischent�ne.

Zur Jahrtausendwende werden wir uns am Brandenburger Tor an einem Monument erfreuen k�nnen, das auf der gleichen Stufe wie der 'Nischel' von Karl-Marx-Stadt steht. Auch ein Monument.

J�rgen Albrecht, 10. Januar 1997

 

Brief an Diepgen

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