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Safari im Kakadu Nationalpark

 

 

 

 

 

 

NEUE FRAGEN
STEINALTE KULTUR

01. Oktober 1998, Donnerstag

 

Oh Gott, was habe ich bloss f�r ein wunderbares Leben !! Ich muss mich immer mal wieder kneifen um festzustellen, dass das wirklich Realit�t zu sein scheint: Ich bin in Australien und alles ist so schrecklich einfach !! Nachdem ich wieder zwei Tage in einem Cabin auf dem Sunland CaravanPark geschlafen habe, deponiere ich dort heute morgen meinen blauen Seesack (sehr praktisch!) und k�ndige an, dass ich mein 20 $ Guthaben am 08. Oktober in Anspruch nehmen werde: Dann komme ich f�r 24 Stunden hierher zur�ck, bevor ich (leider) wieder nach Europa fliegen muss. Die Dame an der Rezeption freut sich �ber den Stammkunden, wir verabschieden uns und sie ruft mir ein Taxi. Mit einem grossen und einem kleinen Rucksack lasse ich mich f�r 10 $ zum Flughafen fahren. Das ist nicht weit weg, zur Not kann man dahin auch laufen. Aber muss das sein? Also ich fahre mit der Taxe und weil ich noch so viel Zeit habe, lege ich mich in den weitl�ufigen Anlagen des Airports gegen 10:30 Uhr erst mal f�r drei Stunden unter einen sch�nen Baum mit ganz fein gefiederten Bl�ttern. Es sind eher grosse F�cher aus Federn, als Bl�tter. Das erste Mal habe ich einen solchen Baum in der Zitadelle von Hue in Vietnam gesehen und fotografiert. Gelbe Bl�ten rieseln auf mich nieder, Wolken ziehen �ber mich hinweg, Flugzeuge landen und starten.

Das alles st�rt mich auf meiner ISO-Matte nicht. Ich schlafe, d�se, tr�ume, f�hle mich wohl, bin v�llig entspannt und ich denke �ber dieses phantastische Leben und auch �ber meine Vergangenheit nach. Dass mein Leben so traumhaft sch�n ist, liegt an zwei Dingen: Ich bin gesund und ich habe Geld. Das ist die Voraussetzung f�r alle Freiheiten, die diese Welt zu bieten hat. Ohne diese zwei Voraussetzungen l�uft nichts und dann kann man nat�rlich auch nicht so rundherum mit seinem Leben zufrieden sein, wie ich es bin. Mit meiner Existenz auf dieser Welt war ich schon immer sehr zufrieden. Hier in Australien aber geht es mir besonders gut. Ich habe hier nicht eines meiner europ�ischen Wehwehchen mehr: Keine Migr�ne, keine kalten F�sse, keine verspannten und zu kalten Schultern, keine Allergien, das rechte Knie tut nicht weh, die Verdauung funktioniert reibungslos – ich bin ganz einfach fit und habe eine hervorragende Kondition! Wo und bei wem kann ich mich daf�r bedanken ?! Jeden Morgen auf dem WC tue ich das bei meinem so fabelhaft funktionierenden Body. Genau so wichtig wie die Gesundheit aber ist das Geld: Ich habe Kreditkarten von VISA und AMEX. Solange die funktionieren, gibt es f�r meine Freiheit keine Grenzen. Es gilt die ganz einfach Gleichung: Geld ist Freiheit und Freiheit ist Geld. Irgendwann begreift das jeder, einschliesslich der Konsequenzen.

Draussen auf meiner ISO-Matte habe ich mindestens 15 Ameisen ums Leben gebracht. Ameisen hasse ich. Sie beissen und es bilden sich grosse Quaddeln, die eine ganze Woche f�rchterlich jucken. Aber eigentlich ist es ein Jammer. Mit einer Ameise macht man ein hoch komplexes Systeme kaputt. Einfach so. Auch im kleinsten und einfachsten Lebewesen ist die F�higkeit zur Reproduktion der Art eingebaut. Selbst Einzeller k�nnen das. Auch der Baum �ber mir kann das, ausserdem produziert er Bl�ten und Samenschoten (zur gleichen Zeit !) und vergr�ssert unbeirrt seine �ste und seine Wurzeln. Das sind komplexe Prozesse, die eine ausgefeilte Steuerung und Logistik f�r Energie-, Stoff- und Informationsprozesse voraussetzen. Wo ist die Produktionsinformation versteckt, wie wird sie aktiviert, wer hat sie programmiert, wer hat sie wo installiert ?! Solche Fragen stellen sich einfach, wenn man Zeit und Musse hat, sich unter einen Baum zu legen. Auch wenn MJ jetzt wieder den Kopf sch�ttelt und an Esoterik und die Grundfrage der Philosophie denkt. Es darf einfach keine verbotenen Fragen geben! Am allerwenigsten deshalb, weil man sie nicht beantworten kann. Genau das aber ist ein uralter Trick von Leuten, denen es nur darum geht, das einmal konstruierte physische und/oder gedankliche System aufrecht zu erhalten, wenn alle Argumente ersch�pft sind, sogar mit Gewalt und mit ‚verbotenen Fragen‘. Zu diesen Leuten geh�rt MJ nat�rlich nicht. Aber solche Fragen sind ihm trotzdem suspekt. Sie sind zu einfach gestellt, so trivial darf man das nach seiner Meinung nicht sehen, weil das Erkenntnisproblem viel komplexer ist. Damit hat er zweifelsohne v�llig recht. Aber auch wenn ich die Fragen komplexer stelle – auch dann sind sie nicht zu beantworten. Wie sagt Tucholsky am Ende des sch�nen Gedichts vom Lehrer Kuhle, den alle nur Papa nannten ...? In diesem Gedicht geht es um ein Teilproblemchen: ‚Wie wird denn det mit uns nu nach dem Tode ??!‘ Und nach einigen Er�rterungen kommt er zu der abschliessenden �berzeugung: ‚Sie wissen et nich, sie wissen et nich ...!‘, n�mlich die Kirche und die Philosophen.

Mir geht es nicht nur um das Leben, zu dem der Tod ganz einfach (in unserer Welt) dazu geh�rt. Mir geht es in erster Linie um die Frage nach dem ‚Grossen Ganzen‘. Was ist der Mensch, was das Leben, was ist Natur, was sehe ich nachts am Sternenhimmel und was ist das, wir als Universum bezeichnen und das heute unseren Entdeckerdrang begrenzt? Aus meiner subjektiven Sicht ist das ganze Universum, in dem ich gerade unter einem Baum liege, der gelbe Bl�ten auf mich rieseln l�sst, am ehesten als ein Experiment zu verstehen: F�r einem Raum wurden Randbedingungen gesetzt. In den leeren, abgeschlossenen Raum wurde eine punktf�rmige Energiemenge eingebracht. Durch den Urknall wurde das Experiment gestartet und jetzt wird beobachtet, was sich unter diesen Bedingungen im diesem Raum entwickelt. Sogar wir Menschen k�nnen f�r eine extrem kurze Zeit, ausgestattet mit nur wenigen Sensoren, an der Beobachtung teilnehmen. Die Randbedingungen und die Energiemenge sind uns dadurch in grossen Z�gen bekannt. Der Experimentator und sein Wesen ist und bleiben unbekannt f�r Lebewesen unserer Qualit�t. Aber irgendwer oder irgendwas hat in diesem Universum willk�rlich (!!) Randbedingungen gesetzt und das Experiment gestartet. Dieses Universum hat nach unserem heutigen Verst�ndnis einen Anfang, also muss es eine Entscheidung f�r den Start gegeben haben. Beispiele f�r die Randbedingungen sind die Naturgesetze, das periodische System der Elemente, das Grundprinzip des Lebens, die Gene.

Die Tatsache, dass die Randbedingungen willk�rlich gesetzt sind ergibt sich aus meiner Sicht logisch und zwangl�ufig daraus, dass man sich ohne jede Schwierigkeiten ein Universum mit modifizierten oder v�llig anderen Naturgesetzen vorstellen kann oder ein unperiodisches System mit anderen Elementen. Eine Welt ohne Sauerstoff und ohne Kohlenstoff – warum nicht? Nur zwei Elemente sind verschwunden und es entsteht eine v�llig andere Welt und (vielleicht) v�llig anderes Leben. Auf jeden Fall ist das vorstellbar. Wie sagte Einstein: ‚Denkbar und deshalb auch im Bereich der M�glichkeit.‘ Daraus folgt: Die Randbedingungen unserer Welt sind willk�rlich gesetzt.

Damit aber gibt es zwei weitere Fragen: Aus welchem Reservoire prinzipieller M�glichkeiten wurde ausgew�hlt und wer hat wie letztendlich die Randbedingungen gesetzt? Dann taucht die n�chste Frage auf, woher stammt der Raum und wie kam da die punktf�rmige Anfangsenergie hinein ?! Wer oder was hat solche Recourcen zur Verf�gung und die dazugeh�rige Entscheidungsbefugnis ?! Das sind Fragen, die nie beantwortet werden. Die Grenzen der menschlichen Erkenntnisf�higkeit sind damit erreicht und ab hier beginnt das weite Feld der Spekulationen �ber Gott und den Sinn des Universums und des Lebens auf der Erde. Vieles ist ‚denkbar‘ aber hier sind auch dem Optimismus Einsteins Grenzen gesetzt. So kann man sich zwar vorstellen, dass es eine h�here Qualit�t dessen geben k�nnte, was wir als Intelligenz bezeichnen und was wir untrennbar auch nur zusammen mit dem Menschen denken k�nnen. Diese h�here Intelligenz k�nnte f�r das gesamte Experiment verantwortlich sein. Das ist zwar denkbar, aber man kann es nicht einmal eine Hypothese nennen, weil wir keine Chance haben, sie jemals zu verifizieren. Solche �berlegungen greifen mit grosser Wahrscheinlichkeit zu kurz, weil der menschlichen Denk- und Erkenntnisf�higkeit Grenzen gesetzt sind. Der Mensch ist gefangen ‚in seiner Schicht‘. Am besten wird diese Situation durch den sch�nen Satz charakterisiert: ‚K�nnten die Dreiecke denken, w�rden sie sich ihren Gott dreieckig vorstellen.

Im Bereich der nicht verifizierbaren Hypothesen scheint alles erlaubt, alles ‚denkbar‘ zu sein. Aber das ist nicht mehr mein Ding. F�r mich ist dann die Grenze der Seriosit�t erreicht, wenn in absehbarer Zeit keine Chance besteht, das Grundger�st solcher Hypothesen mit wissenschaftlichen Mitteln zu beweisen. Das ist die Schwelle, wo aus Hypothesen bodenlose Spekulationen werden und wo Wissen in Glauben umschl�gt. Im Glauben aber war ich weder bei den Religionen noch bei den Ideologien stark genug. Meine Zweifel waren und sind immer wesentlich st�rker.

Eine interessante Frage ist noch die nach dem Sinn des Ganzen. F�r Menschen gibt ihn nicht, diesen Sinn. Vielleicht gibt es ihn prinzipiell, aber er ist f�r uns auf Dauer nicht erkennbar. Das ist f�r mich v�llig klar. Das einzige, was uns Menschen bleibt ist, f�r sich selber subjektiv zu entscheiden, welchen Sinn man seinem Leben gibt. Das setzt aber schon ein ungeheures Mass von Einsicht und Freiheit voraus, die die meisten Menschen gar nicht haben. F�r diese Entscheidung sind zwei Umst�nde gravierend wichtig: Muss man seinen Lebensunterhalt erarbeitet oder hat man durch Geburt, Gl�ck, Erbschaft oder durch Erreichung der Altersgrenze auch ohne Arbeit genug Geld, um gut leben zu k�nnen. Wenn man arbeiten muss, hat man gar keine andere Wahl: Man kann sein Wirkungsfeld, den Sinn seines Lebens, nur innerhalb der durch die Arbeit gesteckten Grenzen frei bestimmen. Die Freiheit ist stark eingeschr�nkt und der Schwerpunkt kann dabei in der Regel nur auf Aktivit�t, Ver�nderung, Erzeugung von Wirkungen liegen. Aber auch bei eingeschr�nkter Wahlfreiheit ist es absolut m�glich, sich ganz subjektive Ziele f�r sein Leben zu setzen, die auf Dauer Befriedigung und Zufriedenheit gew�hrleisten.

Muss man nicht f�r seinen Lebensunterhalt arbeiten, dann sind die Freiheiten bei der Wahl seiner Ziele deutlich gr�sser. (Erstaunlich ist, dass manche Menschen gerade mit diesem grossen Mass an Freiheit nicht fertig werden. Dazu geh�ren auch die Leute, die ohne ihren Psychiater nicht mehr lebensf�hig sind.) Mich interessiert besonders die nur unter diesen Umst�nden m�gliche passive Variante, sein Leben zu gestalten. Ist die Arbeit wirklich das Gattungswesen des Menschen oder kann man sein ganzes Leben auch wie eine Kuh auf der Weide stehen und �ber das Universum nachdenken ?! Ich behaupte das geht, solange man �ber irgend etwas nachdenkt. Man kann sich weitestgehend passiv verhalten und auf einen Beobachterstatus zur�ck ziehen. Dieses passive Beobachten kann man nach meiner Meinung nicht mehr als Arbeit bezeichnen.

(Encarta Enzyklop�die 99: Arbeit, die Aufwendung physischer, geistiger oder emotionaler Anstrengung f�r die Herstellung von Waren zum eigenen oder fremden Gebrauch sowie die Erbringung von Dienstleistungen.)

Wenn man es sich finanziell leisten kann, hat man die hoch interessante M�glichkeit, sich auf einen reinen Beobachtungsposten zur�ck zu ziehen: Man kann sich selber in den unterschiedlichsten Situationen beobachten: Wie reagiere ich auf was, von welchen Umst�nden ist welches Feeling abh�ngig, was muss ich tun, um mich am wohlsten zu f�hlen, um zufrieden zu sein? Die andere, �ussere Seite der Beobachtung ist genau so spannend und interessant: Wie funktioniert das Leben um mich herum, wie kann ich es erforschen und erkunden. Ein lohnendes Lebensziel kann durchaus sein, v�llig passiv zu beobachten, was sich zwischen Menschen, was sich in einem Korallenriff, im Regenwald oder in einer Mikro-, Makro- oder Astrowelt abspielt: Das laufende Experiment beobachten, fasziniert wahrzunehmen, welche Konstellationen und Entwicklungen die Anfangsenergie mit den Randbedingungen hervorbringt. Das Ergebnis ist, man wundert sich �ber die Vielfalt des Lebens, der Natur und des Universums, bewundert die unendliche Komplexit�t und obwohl man v�llig passiv ist und sich nur um einen m�glichst hohen Grad von Bewusstsein in dieser Welt bem�ht, ist man mit sich im Reinen, f�hlt sich wohl und ist zufrieden. Was kann man eigentlich mehr von diesem Leben wollen ?!

Wenn es �berhaupt ein allgemein anzustrebenden Ziel f�r ein menschliches Leben geben sollte, so l�ge es nach meiner Auffassung darin, sich wohl zu f�hlen und zufrieden zu sein. Zufrieden, gleichzeitig aber neugierig zu sein, das scheint mir der optimale Zustand zu sein, den ein Mensch �berhaupt erreichen kann. Nur absolute Zufriedenheit und Ruhe zu erreichen, wie es der Buddhismus anstrebt, erscheint mir zu wenig. Aus meiner Sicht ist das nicht mehr als ein kontrollierter Tiefschlaf.

Gleich nach dem eigenen Seelenfrieden kommt das Bem�hen, anderen zu helfen, auch in einen Zustand von Wohlbehagen zu gelangen. Dieses Bestreben aber besitzt eine andere Qualit�t und geht wohl darauf zur�ck, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Vorsicht! Das an sich positive Anliegen, anderen Menschen behilflich zu sein, kann sehr schnell in missionarischen Eifer und das Gegenteil von dem umschlagen kann, was eigentlich gewollt ist: Bevormundung und Diktatur. Die menschliche Kulturgeschichte ist voll von uns�glichen ‚Missionen‘ zum Wohle anderer Menschen. Hier ist h�chste Vorsicht geboten !

Aus diesen hochfliegenden Gedanken werde ich jetzt ziemlich abrupt wieder in die Realit�t zur�ck geholt: Ich habe Hunger, ich brauche etwas zum Essen. Genau das st�rt jetzt mein an sich so grosses Wohlbehagen. So schnell kann man durch ganz banale Bed�rfnisse diese herrlicher Balance verlieren!

Diesen Text habe ich im Abflugterminal des Airports von Cairns geschrieben. W�hrend ich so auf das ‚Grosse Ganze‘ und die Philosophie konzentriert war, wollte sich gleichzeitig ein Mann aus Adelaide (40) mit mir gegen 14:15 Uhr �ber meinen und seinen Trip unterhalten. Er kommt gerade aus New Guinea, wo er 14 Tage im bergigen Regenwald auf Trekking-Tour war. Auch das kann man von Australien aus buchen (teuer, 1500 $). Ein netter Mann, seine Vorfahren stammen aus Dresden. Daher sein grosses Interesse an english conversation mit einem Deutschen.

15:22 Uhr, Cairns Airport

Auch in der australischen Geschichte gibt es wunde Punkte. Der schlimmste davon heisst Aborigines. Die Ureinwohner kamen vor 40 bis 50.000 Jahren in den Norden Australiens. Dort lebten sie ungest�rt und v�llig mit sich und der Natur im Reinen bis vor 250 Jahren. Sie hatten ganz Australien besiedelt, ihre Kultur ist die �lteste der Menschheit. Ihre Philosophie ist sehr eng mit der Natur verbunden: Wald, Fl�sse, Berge, See, Savanne, Bush, V�gel, Pflanzen und Tiere, das alles sind Verwandte der Menschen. Man tut ihnen nur soweit Gewalt an, wie es zum �berleben der eigenen Art unbedingt notwendig ist. Ihr historischer Background ist die ‚Dreamtime‘ (dieses Wort ist eine schlechte, unzutreffende Bezeichnung f�r ihre Gedankenwelt und ihre Lebensauffassung). Die Dreamtime ist nicht schriftlich fixiert, sie besteht aber aus Mythen und Geschichten, die m�ndlich �berliefert werden. Darin hat jeder Baum, jeder H�gel, jedes Tier des Territoriums, in dem ein Clan lebt, eine mythische Bedeutung. Das oberste Ziel, der entscheidende Grundsatz ist: Der Mensch lebt in Frieden und Harmonie mit den Tieren und Pflanzen und der gesamten Natur.

Die Engl�nder gingen bei ihrer Ankunft in Australien davon aus, dass das ganze Land unbewohnt ist und keinem geh�rt (Terra Nullius). Deshalb kann es uneingeschr�nkt in Besitz genommen werden. Die damals existierenden 300.000 Aborigines waren kulturlose ‚Wilde‘ auf dem Niveau der K�nguruhs. Sie wurden wie Tiere behandelt und zu tausenden abgeschlachtet, weil sie mehr Schwierigkeiten machten, als die K�nguruhs. Sp�ter erkl�rte sich der Staat zum M�ndel aller Aborigines. Das war fast noch schlimmer als die nicht gelungene Ausrottung, denn Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in englischen Konfessionsschulen (endlich ordentlich) erzogen. Die Eltern wurden in Konzentrations- und Umerziehungslager gesteckt! Es ist unvorstellbar und es wird heute v�llig verdr�ngt, was europ�ische Nationen in der Kolonialzeit (das ist z.B. in Australien noch keine 50 Jahre her !!) fremden V�lkern und Kulturen angetan haben! Deshalb ist es auch so absolut heuchlerisch, heute nur den j�dischen Holocaust im II. Weltkrieg in den Vordergrund zu schieben. Erst im Jahre 1967 erhielten auch die Aborigines in Australien die vollen B�rgerrechte und das Wahlrecht. Und sogar erst im Jahr 1992 (!!!) erkl�rte der High Court of Australia die Terra Nullius Doktrin f�r ung�ltig. Sie war die Grundlage der totalen Enteignung der Aborigines. Seit dieser Zeit laufen zahlreiche Prozesse und die Aborigines erhielten teilweise ihr Land zur�ck ... wenn der Staat keine besonderes Interesse daran hatte. Es entstanden viele Aboriginal-Reservate, allerdings ist die Nutzung des eigenen Landes in vieler Hinsicht eingeschr�nkt. So wurden die Aborigines z.B. mehr oder weniger offen gezwungen, den Uluru (Ayers Rock bei Alice Springs), das heiligste Gebiet des ganzen Aboriginalvolkes, f�r 100 Jahre an den Staat f�r touristische Zwecke zu einem l�cherlichen Preis zu vermieten.

Jetzt heisst das Schlagwort ‚Reconciliation‘, Vers�hnung. Aber nach 250 Jahren ist es zu sp�t, um den Aborigines das Leben wieder zu erm�glichen, was sie �ber Jahrtausende gef�hrt haben. Sie haben sich immer der Assimilation widersetzt, weil das Leben der Weissen nicht mit ihrer Gedankenwelt in Einklang zu bringen ist. Hier kollidieren die auf Harmonie und Natur ausgerichteten Werte einer Urgesellschaft mit der gegenw�rtigen Zivilisation. Die kennt nur noch einen Wert: Das Geld. Und in ihr hat die Gewalt gegen Menschen und die Natur einen entsetzlich hohen Stellenwert. Ohne Motivation, ohne Sprache, ohne Ausbildung und gezeichnet durch ihre buchst�blich schwarze Haut finden die Aborigines keine Jobs in der australischen Wirtschaft und keine Position in der weissen Gesellschaft. Ihrer angestammten Kultur sind sie entfremdet, weil sie untrennbar mit dem Land zusammenh�ngt, was ihnen genommen wurde. Was bleibt, sind Alkohol, Drogen, Kriminalit�t und ein Leben am untersten Rand der Gesellschaft.

Der Umgang der Engl�nder mit den Aborigines ist ein schrecklicher Teil der neueren Geschichte. Er reiht sich nahtlos ein in die Ausrottung ganzer V�lker und die Zerst�rung von Hochkulturen durch die Europ�er: Azteken, Indianer, Eskimos, Afrikaner, Juden, Aborigines: Der Mensch, das gef�hrlichste Tier dieser Erde.

Man begegnet Aborigines in allen Teilen des Landes. Man gewinnt sofort den Eindruck, dass sie nur im Keller der Gesellschaft arbeiten, wenn sie �berhaupt Arbeit haben. Hier, direkt neben mir in der Departure Lounge, macht jetzt in diesem Moment eine Aboriginalfrau sauber. Ich w�rde wetten, dass schon der Chef der Reinigungstruppe ein Weisser ist. Staff am unteren Ende, das ist wahrscheinlich das Maximum, was f�r �ltere Aborigines erreichbar ist. Ich habe bisher nicht einen Aboriginal hinter einem Schalter eines Shops oder einer Agency gesehen. Keinen Busfahrer, keinen Koch, keinen Bootsmann. Im CarPark arbeiten nur Weisse als Staffs und von den Campern, die dort ihren st�ndigen Wohnsitz haben, sind 80 bis 90 % Weisse, der Rest sind Asiaten. Es gibt nicht einen Aboriginal unter ihnen. Im Zentrum von Cairns sieht man ganze Gruppen betrunkener Aborigines. Laut werden sie selten, sie betteln auch nicht. Der einzige Lichtblick sind wenige Artshops und noch weniger Travel Agency’s, die von Aborigines betrieben werden. Allerdings habe ich den Verdacht, dass auch hier Weisse im Hintergrund die F�den ziehen. Die Aboriginal-Kultur wird als ‚Original Australia‘ von den Weissen aggressiv vermarktet. Kaum ein Tourist, der ohne ‚handmade‘ Boomerang oder Didgeridoo nach Hause f�hrt. Aber das meiste wird schon l�ngst industriell und in Massen hergestellt, wirklich ‚Original Aboriginal‘ ist in Cairns nichts mehr. Auch das, was in Artshops von Aborigines angeboten wird, ist zu 99% unter marktwirtschaftlichen Bedingungen (vielleicht, hoffentlich von Aborigines ...!) produziert worden. Wie sollte es auch anders sein.

Die Situation der Aborigines ist trostlos. Hoffnung gibt es nur unter zwei Aspekten: Inzwischen existieren wieder Regionen, in denen die Aborigines versuchen, so zu leben wie ihre Vorfahren. Das geht wahrscheinlich nur im ‚festen Glauben‘ an die eigenen, �berkommenen Werte. Denn das ist ein Leben ohne alle Segnungen der Zivilisation, v�llig im Einklang mit der Natur aber auch v�llig abh�ngig von ihr. Wer ist nur aus �berzeugung so stark, dass er auf die Dusche, den Zahnarzt und das Dosenbier verzichtet, obwohl alles ein paar Kilometer weiter weg verf�gbar ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich mitten in der marktorientierten Konsumgesellschaft wieder auf steinzeitliche Verhaltensnormen, Produkte und Werkzeuge reduzieren kann. Kein Mensch kann das und auch kein Aboriginal, denn wahrscheinlich sind sie nur �u�erlich verschieden von den anderen Menschen. Diese Frage ist problematisch, aber hochinteressant (s.u. 05. Oktober 1998, Seite 129) !!

Die einzig reale Alternative f�r die Aborigines ist die Assimilation. Sie tut sich besonders jungen Aborigines auf, die bereit sind, den Spagat zwischen zwei v�llig unterschiedlichen Kulturen zu wagen. Offiziell haben die Aborigines heute alle B�rgerrechte, sie m�ssen sie nur wahrnehmen. Wie die Realit�t aussieht, ist eine ganz andere Frage. Es ist un�bersehbar, dass der Rassismus gegen die Aborigines bei den Australiern tief verwurzelt ist. Die Situation ist durchaus mit der in den USA vergleichbar, aber Australien hinkt mindestens noch 20 Jahre hinter den USA hinterher. Deswegen werden es alle Original-Australier, denen man ihre Herkunft sofort ansieht, schwer haben, sich in dieser Leistungsgesellschaft gleichberechtigt zu bewegen.

17:00 Uhr, Cairns Airport

Was ich bisher heute geschrieben habe, ist in der Departure Lounge des Flughafens von Cairns entstanden, wo ich auf den Abflug nach Darwin gewartet habe. Gegen 16:30 Uhr wurde ich meinen grossen Rucksack beim Check-In los. Der Flug startete p�nktlich um 18:18 Uhr. Wir flogen mit einer Maschine, die ich noch nie gesehen habe: BAe 146, 4 Triebwerke, 3 + 2 Sitze in einer Reihe, ca. 20 Reihen macht ca. 100 Passagiere. Die Maschine war voll, leider hatte ich keinen Fensterplatz. Das kommt davon, wenn man beim Check-In schl�ft. Aber ich habe nicht sehr viel vers�umt. Die Schleife �ber der Beach von Cairns habe ich gesehen, dann eine Stunde Abendrot auf der linken Seite. Wir fliegen mit der Zeit, deshalb geht die Sonne so langsam unter. Ein schmaler, tief roter Streifen direkt �ber dem Horizont, der dann �ber ein strahlendes Gelb in das tiefe Blau im Zenit �bergeht. Die Natur hat die Farbverl�ufe erfunden, nicht Photoshop !! Unter uns liegt eine graublaue Wolkendecke, es ist nichts zu sehen. Nach einer Stunde ist alles dunkel. Wir landen um 19:35 Uhr, die Uhr wird um 30 Minuten zur�ck gestellt: Darwin Time. Nach dem Aussteigen finde ich mich auf einem richtigen Buschflugplatz wieder. Die Piste ist aus Beton, aber die Geb�ude klein und provisorisch, wie in der Provinz. Es ist warm, schw�l und dunkel. Es geht famili�r zu, es gibt keine Kontrolle, die Toiletten werden heftig frequentiert, das Gep�ck kommt auf Handwagen angefahren. Direkt am Zaun aus Maschendraht k�nnen sich die Passagiere ihr Gep�ck aussuchen. Keiner fragt nach einem Gep�ckschein, keine Taxen sind zu sehen und mein Rucksack kommt auch nicht. Ich frage einen Staff, ob irgendwo ein Rucksack �brig ist. Erst mit seiner Antwort merke ich, dass wir gar nicht in Darwin sind !! Wir sind in Nhulunbuy zwischengelandet! Nach einer halben Stunde Pause steigen die meisten wieder in den Flieger ein und wir sind noch einmal eine gute Stunde in der Luft.

Um 21:17 Uhr aber landen wir in Darwin. Das Gep�ck kommt z�gig, hier gibt es auch genug Taxen, ich steige ein und dirigiere den Fahrer zur Park Lodge. Die habe ich mir bei Loose ausgeguckt. Es gibt jede Menge Lodges in Darwin, von dieser hier hatte Loose einen guten Eindruck. Wir fahren ziemlich weit und ich bezahle 14 $. Ich sage noch zu dem Taxifahrer: ‚Hoffentlich haben die hier noch ein Zimmer f�r mich!‘ ‚Na klar ...!‘ sagt er und f�hrt ab. Ich klingele den Mann von der Rezeption raus aber er winkt verschlafen ab: Alles belegt!

Da stehe ich armer Mensch also gegen 22 Uhr mit zwei Rucks�cken aber ohne ein Bett mitten in der Nacht in einem Vorort von Darwin, in der N�he des Botanischen Gartens. Was nun? Kein Problem mit einer Taxe, aber wo kriege ich eine her? Der Mann von der Rezeption schl�ft schon wieder und hier auf der Strasse ist absolut nichts los. Also schultere ich meinen Rucksack I und II und laufe in Richtung der Hauptstrasse. Das sind die Situationen, die man beherrschen muss: Nimm nur das Gep�ck mit, was Du zur Not auch alleine f�nf Kilometer tragen kannst! Ich erreiche schnell die Hauptstrasse, die vom Flughafen nach Darwin f�hrt. Aber da fahren jetzt um die Zeit kaum Autos. Na, macht nichts, da laufe ich eben. Da wird einem schnell warm, denn hier ist es ziemlich schw�l und knapp 30 Grad! Aber bevor ich mir noch das letzte Hemd ausziehe, kommt doch eine Taxe vorbei: ‚Darwin City Lodge, please!‘, die Nummer zwei auf meiner Auswahlliste. Der Taxifahrer erz�hlt etwas davon, dass diese Lodge wegen Umbau vielleicht zu hat, aber er f�hrt erst mal in die Richtung, die ich mir nach der Karte in meinem Kopf vorstelle. Aber er h�lt nicht vor der Darwin City Lodge, sondern vor der Gecko Lodge. Wahrscheinlich kennt er hier den Manager und hat was davon, wenn er hier einen Gast abliefert. Die City Lodge muss hier direkt nebenan sein. Na, das macht ja nichts, ich kann mir ja auch die Gecko Lodge mal ansehen. Hier kommt gleich ein freundlicher Mann aus dem Haus: ‚Dormitory ?‘ ‚Nein, das muss nicht sein. Wenn ich hier Quartier nehme, brauche ich ein Zimmer!‘ Er sagt o.k., geht mal nachsehen und zeigt mir dann ein Zimmer im Erdgeschoss: Ein breites Bett, ein Nachtschr�nkchen, AC, K�hlschrank, Neonr�hre an der Decke. Das ist die komplette M�blierung und mehr brauche ich auch nicht. Es ist sauber, Dusche, WC gleich daneben, Swimmingpool auf der anderen Seite. 40 $ soll die Nacht kosten. Ich sage o.k., gebe dem Taxifahrer, der bis jetzt gewartet hat, 7 $ und habe f�r zwei N�chte in Darwin ein Quartier. Allerdings erst, nachdem sich herausgestellt hat, dass die VISA-Karte funktioniert. Nichts geht in dieser Welt ohne Geld.

 

 

Nach dem Duschen setze ich mich aufs Bett und schreibe. Dabei beobachte ich die Temperaturen: Ohne AC waren es 30 Grad, mit AC und viel Krach sind es schnell 24 Grad und es geht auch noch k�lter. Was mache ich in der Nacht? Sicher werde ich ohne AC schlafen, das ist kein Problem. Als ich so sitze und schreibe, was l�uft da auf dem weiss gekachelten Fussboden lang? Die gleiche ‚Grille‘ die mir vor ein paar Tagen ins Zelt gesprungen war! Aber es scheint eine ganz ordin�re Kakerlake grossen Ausmasses zu sein. Stefan wird sich wie ich sofort daran erinnern: Es war in dem sch�nen Hotel mit Sicht auf den dampfenden Vulkan Sibayak in Sumatra. Stefan erschlug ein �hnlich sch�nes Tier mit einem gezielten Wurf seines Schuhes. Mal sehen, ob mir das auch gelingt. Als die Kakerlake mal wieder an meinem Bett vorbei kommt, lasse ich meine Supersandale auf sie fallen. Das �berlebt sie nicht. Die Leiche verstecke ich unter dem K�hlschrank. Auch so kann man Probleme l�sen.

Jetzt ist alles gesagt und getan. Ich packe noch meinen Schlafsack aus (gegen Morgen wird es k�hl) und dann lege ich mich erst mal gen�sslich in das sch�ne, breite Bett. Morgen habe ich einen ganzen Tag frei, um mir Darwin anzusehen. Die Safari in den Kakadu Nationalpark startet erst �bermorgen, aber dann schon fr�h um 6 Uhr!

23:10 Uhr, Gecko Lodge, Darwin

 

 

 

 

 

 

 

SANDPAPER UND
STEINE IN DARWIN

02. Oktober 1998, Freitag

 

Das beeindruckendste Geb�ude von Darwin steht am Freiheitsplatz und ist die �ffentliche Bibliothek. Aussen: Wuchtig, bedeutungsvoll, weiss, volle Breitseite zum Meer. Innen: Hell, hoch, kalt, leer und ruhig. So eine sch�ne Bibliothek habe ich noch nie gesehen, sie ist wundervoll. Aber mir fehlt mein Pullover, denn in meinem nass geschwitzten Hemd friere ich hier drin. Aber diese Ruhe, diese Ferne vom hektischen, normalen Leben, das ist Balsam f�r die Forscherseele ...

 

 

Sofort werde ich an die Zeit erinnert, wo ich in Leipzig t�glich vom IPM zur Deutschen B�cherei gegangen bin. Es ging um mechanische Schwingungen und dann um eine Studie zur L�rmbek�mpfung. Ich musste mich in ‚westlicher‘ Literatur informieren und ich hatte soviel Zeit, dass ich monatelang fast jeden Nachmittag in diese sch�ne Bibliothek gehen konnte. Es war ca. 1965, die SPIEGEL-Aff�re war gerade gelaufen. Weil ich an der Quelle war versuchte ich, mir den aktuellen oder wenigstens alte Jahrg�nge des SPIEGEL auszuleihen. Das ist mir trotz vieler Kopfst�nde nicht gelungen. Fachliteratur mussten die Kommunisten zulassen, aber politische Literatur ?! Da blieb der Giftschrank hermetisch verschlossen.

Bis 8 Uhr habe ich heute sehr gut geschlafen. Ich stehe auf und mache mir ein Sparfr�hst�ck, aber mit Tee, den ich mir in der Gemeinschaftsk�che kochen kann. Dann laufe ich die Mitchel Road runter, sie f�hrt direkt ins Zentrum von Cairns. Bei der ersten Telefonzelle klappt es schon: Ich melde mich bei Adventure Tours und sage Bescheid wo ich wohne. Morgen um 6:05 Uhr werde ich zur Safari in den Kakadu Nationalpark abgeholt. Damit habe ich das erledigt, was heute unbedingt zu tun war. Jetzt habe ich den ganzen Tag frei. Ich wandere an dieser Bibliothek vorbei. Sie steht auf dem Fort Hill, einem H�gel, von dem man nach zwei Seiten eine weite Sicht auf das Meer hat. Ich suche die Bibliothek, ich will mich nach einem Internet-Rechner erkundigen. Dieses pomp�se Geb�ude sehe ich viel eher das Parlament oder das H�chste Gericht an. Aber die Schilder Public Library weisen auf dieses Geb�ude. Seltsam. Ich laufe den H�gel runter und komme bei den Tunneln raus. Sie stammen aus dem II. Weltkrieg, ein unterirdisches Treibstofflager, sie sind zu besichtigen. Kein Interesse. Ich gehe zum Hafen, mache ein paar Fotos, erkundige mich nach einer Hafenrundfahrt. Das ist kein Problem, mehrmals am Tag kann man in See stechen. Ich laufe unten am Strand um den Fort Hill herum und zur Stadt zur�ck. Man kommt hinter der Bibliothek wieder auf den H�gel zur�ck. Ein sch�ner Park mit einem schrecklichen War Memorial. Bis nach Darwin war der II. Weltkrieg gekommen, nicht zu fassen. Aber die sch�ne Aussicht auf das Meer entsch�digt.

Das Wetter ist hart !! Ich sch�tze, es sind 32 bis 34 Grad im Schatten. Es ist sehr feucht und schw�l. Das schlaucht und der Schweiss fliesst. Das Klima ist hier deutlich anders als in Cairns, feuchter und w�rmer. Deshalb muss ich jetzt etwas essen und trinken gehen. Ausserdem hole ich mir hier ohne Pullover eine Erk�ltung. Den Internet-Termin habe ich gebucht, heute gegen Abend komme ich wieder hier her.

11:05 Uhr, Public Library, Darwin

Gerade habe ich ein Selbstportr�t gemacht: AL kaputt auf dem Bett in der Gecko Lodge . Das Wetter hier ist ein Hammer und es schlaucht. Die hohe Luftfeuchtigkeit macht sogar mir Konditionsprobleme. Aber mehr nicht. Ich habe keine Schwierigkeiten mit Herz und Kreislauf, es gibt keine Turbulenzen, es fehlt nur die Kondition, die Leistung. Aber nach ein paar Tagen Akklimatisation werde ich mich auch an dieses Wetter gew�hnt haben. Erstaunlich, wie anpassungsf�hig der K�rper ist, wenn man ihm Ruhe und Gelegenheit zur Eingew�hnung gibt.

Trotzdem habe ich heute viel von Darwin gesehen. Ganz faul konnte ich nicht sein, ich habe in Darwin nur diesen einen Tag. Nach der Library ging ich in die Galeria, ein Einkaufszentrum. Dort bekommt man problemlos jede Menge zu Essen und zu Trinken.

 

 

Anschliessend entdecke ich die pinkfarbene, ganz auf ‚in, cool und chic‘ gestylte ‚The Mall‘. In Darwin musste nach dem Taifun Tracy, der hier 1975 schwerste Verw�stungen angerichtet hat, die gesamte City neu aufgebaut werden. Da man sich nat�rlich nicht auf einen Baustil einigen konnte, besteht Darwin jetzt aus einem ziemlich wilden Gemisch von Geb�uden. Das f�ngt bei Bruchbuden aus Pappe und Wellblech an, geht �ber stabile alte Holzh�usern im Kolonialstil, die den Taifun �berlebt haben, bis hin zu n�tzlichen Zweckbauten aus Stahl und Beton, wenigen Hochh�usern, ca. 15 Stockwerke hoch und hypermodernen Komplexen, wie z.B. The Mall und das Entertainment Centre. Gerade das ‚Opernhaus‘ ist ein gr�ssliches St�ck Architektur, einschliesslich der Farben ist es komplett dem Zeitgeist gewidmet. In ein paar Jahren wird man sich daf�r sch�men. Aber es gibt auch noch genug H�user und Bruchbuden, die nur auf den n�chsten Taifun warten, um wegzufliegen. An sich gef�llt mir Darwin besser als Cairns. Diese Stadt macht wenigstens den Eindruck einer kleinen Stadt, wie man sie aus Europa gew�hnt ist. Das liegt wahrscheinlich an den vielen mehrst�ckigen H�usern und den engen Strassen. In Cairns ist alles breit und flach. Dort hat man den Eindruck, die Leute haben sich erst mal nur auf Zeit eingerichtet.

Ich kaufe mir Sonnenschutzcreme f�r den Fall, dass meine zuende geht. Bei Woolworth, einem riesigen Schuppen, kaufe ich Getr�nke und Notproviant. Dann laufe ich in der Mittagshitze nach Hause. Ach ist das herrlich, dass ich gleich unter der Dusche stehen werde und mir einen Mittagsschlaf leisten kann! Vorher mache ich schnell noch ein Foto: AL vor der Gecko Lodge. Aber wo ist die Kamera ??! Nach kurzem �berlegen ist mir klar: Das alte Problem der unkontrollierten Reflexe: Die Kamera habe ich am Einkaufswagen von Woolworth h�ngen gelassen. Also alles kehrt und zwei Kilometer wieder bei high noon (der Schatten ist knapp zwei Fuss lang) zur�ck zu Woolworth. Na klar, ich bin doch der Gl�ckspilz: Die Kamera wurde gefunden und abgegeben und ich bekomme sie zur�ck. Aus Dankbarkeit verzichte ich wieder auf den Bus und laufe zur�ck nach Hause.

 

 

Vor der Gecko Lodge mache ich jetzt das Foto, was ich schon vor einer knappen Stunde machen wollte. Dann aber – was f�r eine unbeschreibliche Wonne !! – unter die Dusche und eine knappe Stunde Siesta bis 13:45 Uhr.

Jetzt nehme ich den Bus und fahre vier bis f�nf Stationen bis zum Museum der Northern Territories. Das ist ein grosser Geb�udekomplex am Meer hinter dem Botanischen Garten. Interessante Ausstellungen und das lokale Heimatmuseum. Das beste Museum, was ich bisher in Australia gesehen habe. Es l�uft gerade die 15. landesweite Ausstellung der Aboriginal-Kunst. Mit der Malerei der Aborigines kann ich nicht viel anfangen. Es springt mich nicht an, erreicht nicht meine Emotionen. Es gibt wenige Arbeiten, die ich mir schenken lassen w�rde. Aber das ist ja Gott sei Dank subjektiv.

Nach Kaffee und Kuchen im museumseigenen Restaurant will ich mir die Beach ansehen, an der dieses Museum liegt. Das ist die Fanni Bay. Ein sch�ner Strand, Segelboote, dunkle Gewitterwolken �ber dem Meer und ... ganz phantastische Steine !! Was ist das f�r ein Material? Ist es vulkanischen Ursprungs, ist es Tuff? Es muss etwas Vulkanisches sein, denn die Steine sind teilweise auff�llig leicht. Ganz Darwin sehe ich anschliessend auf dem R�ckweg, steht auf solche Steinen. Ich kann nicht mehr aufh�ren, nach diesen Steinen an der Beach zu suchen.

 

 

Sie liegen �berall in jeder Gr�sse und einer ist sch�ner, als der andere. Sie sehen nass so aus, als w�ren sie lichtdurchl�ssig wie Achat. Die Farbe schwankt zwischen Weiss und einem dunklen Rot und dazwischen gibt es alle Schattierungen, fast jeder Stein weist einen herrlich klaren Farbverlauf auf. Die Taschen meiner kurzen Hose sind so mit sch�nen Steinen gef�llt, das sie mir die Hose ausziehen! So kann ich nicht zur�ck laufen. Aber da habe ich die richtige Idee: Die Sonne ist weg, es sieht nach Gewitter aus, gleich wird es regnen. Ich brauche meinen Sonnenhut nicht mehr. Also habe ich einen Hut voller sch�ner Steine im Arm, als ich mich auf den Heimweg mache. Einen sch�nen Stein f�r jeden, der nicht mit nach Darwin kommen konnte!

�ber the Gardens laufe ich an der Beach zur�ck bis zur Gecko Lodge. Am Botanischen Garten f�llt mir ein Schild an einem kleinen Baum auf: ‚Sandpaper Tree‘. Die Bl�tter fassen sich wirklich wie Sandpapier an, man kann damit seine Fingern�gel abfeilen. Ein paar solche Bl�tter nehme ich f�r Conny mit. Ein sch�ner Spaziergang zur�ck an der Gardens Bay. �ber einen richtiger Platzregen w�rde ich mich jetzt freuen. Da h�tte ich gleich eines der legend�ren Gewitter von Darwin erlebt und nach der Dusche sehne ich mich sowieso. Es donnert von Ferne, es sieht auf See auch gef�hrlich nach Gewitter aus, aber es kommt nicht ein Tropfen herunter.

In der Gecko Lodge will ich Duschen, bevor ich mich zur Bibliothek aufmache. Irgend ein Trottel blockiert die Dusche und pflegt eine halbe Stunde seinen Bart ...! Ich wasche mich aus Zeitnot dort, wo man eigentlich seine W�sche behandeln soll und stehe um 16:15 Uhr an der Bushaltestelle direkt vor dem Haus. Ich sehe den Bus noch von hinten, der hier um 16:15 Uhr abfahren sollte. Er war etwas zu fr�h oder ich war etwas zu sp�t. Alles ist relativ. Soll ich jetzt 15 Minuten warten? Das halte ich nicht aus. Ausserdem habe ich noch genug Zeit bis 17 Uhr, also laufe ich wieder bis zur Public Library.

Nach einem angenehmen Spaziergang von einer halben Stunde bin ich dort. Ich erkundige mich, warum die Bibliothek ein so imposantes Geb�ude hat und erfahre, sie residiert als Untermieter im Parlamentsgeb�ude. Also war mein erster Eindruck doch richtig: So sieht keine Bibliothek aus. Trotzdem ist sie auch innen sehr grossz�gig und weitr�umig ausgestattet. Wirklich eine sehr sch�ne Bibliothek, schade, dass ich hier nicht ein paar Monate arbeiten kann. Ich setze mich an den Rechner. Hotmail gibt es hier nicht. (Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass man nur die HomePage von Hotmail aufrufen braucht ...!!) Ich schicke Conny und Stefan eine Mail �ber den Internet Explorer.

Dann ist es 17:30 Uhr und ich laufe zur�ck. Eigentlich wollte ich jetzt in der City richtig zum Abendbrot essen, aber die Galeria hat zu und The Mall ist so gut wie tot. Nur Bierkneipen sind noch offen. Der Sunset Market an der Mindil Beach (heute nachmittag lief ich dort vorbei), den gibt es nur am Donnerstag. Seltsame Gebr�uche in Darwin. Was machen die Leute an den langen Abenden ?!

Auf dem R�ckweg gehe ich bei Doctors Gully vorbei. Hier kann man die Fische bei Flut oben von der 30 Meter hohen Steilk�ste aus f�ttern. Aber jetzt ist keine Flut, deshalb sind hier weder Menschen noch Fische zu sehen. Ich laufe durch den Gully, eine kleine, schmale Schlucht, die ein Fluss auf seinem Weg zum Meer in den Felsen gefr�st hat. Die steilen H�nge sind mit �ppigen B�umen und B�schen bewachsen und tausende von Fr�schen quaken um die Wette und um den Froschladys zu imponieren. Gegen 18:30 Uhr bin ich wieder zu Hause und ziemlich erschossen. Das war heute der Trainingstag f�r den Kakadu-Trip! Opa ist in Form, aber jetzt reichts erst mal!

Jetzt muss ich wieder meine Rucks�cke einpacken. Morgen fr�h um 5 Uhr (ohne Wecker, werde ich hoffentlich aufwachen ...) ist die Nacht zuende.

19:50 Uhr, Gecko Lodge, Darwin

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE NERVEN
LIEGEN BLANK ...

03. Oktober 1998, Sonnabend

 

Meine Notizen im Reisetagebuch f�r heute:

031098, im Bush, Kakadu

Erschwerte Bedingungen beim Bushcamping:

 

In Stichworten der heutige Tag:

6:35 Abgeholt statt 6:05

7:00 Start: 9 Leute + Guide

8:30 Bier einkaufen und Toilette

9:00 Fahrt in Richtung Jaribu, dann abbiegen nach links in den Bush

9:45 Zwei Stunden Bootsfahrt auf Rock Hole, Krokodile (Salz- und S�sswasser Kr.), Schwarzst�rche (Jaribu), Wildschweine, Wasserb�ffel. In WetTime Wasserstand max. 7 m h�her, normal sind 3 m

11:45 Weiter auf Bushpiste und abbiegen zum 4 Mile Hole: 1 Stunde durch den Bush auf Piste niedrigster Fach (low track). Dinner unter grossen Eukalyptusb�umen: Gut. Alles �berschwemmt, wenn WetTime

14:45 weiter �ber Bushland und Savanne. Viel abgebrannt, low track, innen 37� heiss

17:00 Ankunft: Waldak Irrmhal, West Alligator Haed am Van Dieman Gulf. Zelte aufgebaut und eine Stunde sehr interessanter Wald hinter der D�ne bei 33�

18:26 Sunset am Meer

ab 19 Kochen, Dinnertime. Es gibt doch Dusche und WC (Spezial !!)

 

Splitter:

 

>> Entscheidende Erfahrung: Heiss wie verr�ckt, aber man kann sich nicht waschen !

F�r heute muss das gen�gen !!

19:40 Uhr, West Alligator Haed, Kakadu NP

 

Erst heute (25.02.1999) schreibe ich mit diesen Stichpunkten auf, wie der erste Tag der Safari im Kakadu Nationalpark verlief:

Der Tag fing schon mit einer Panne an. Um 5:45 Uhr sass ich mit meinen beiden Rucks�cken vor der Gecko Lodge. Um 6:05 Uhr sollte ich abgeholt werden. Ich war nicht alleine, mehrere Leute warteten auf Anschluss und bei denen klappte das auch, aber nicht bei mir. Ich behielt die Nerven, was sollte ich sonst auch machen. Das zahlte sich aus, Yvonne stieg um 6:35 Uhr mit einem Wortschwall strahlend aus dem 4WD-Toyota. Irgend etwas war schief gegangen, jetzt aber ist sie da und jetzt geht es los! Ich war der erste und wir mussten noch die anderen Teilnehmer der Safari abholen. Aber schon gegen 7 Uhr war die ganze Mannschaft zusammen, die Kakadu-Tax musste noch bezahlt und die Wasserflaschen ein letztes Mal gef�llt werden, dann startete die Tour gen Osten, immer der Sonne entgegen: Acht junge Leute, ein Oldie und Yvonne als Guide und am Steuer des Toyota mit einem grossen Anh�nger.

Yvonne ist ein Unikum, das merkt man sofort. Sie bezeichnet sich als unverbesserliches Bushgirl, ist ca. 45 Jahre alt, vielfach bush erfahren, schlank, drahtig, braun gebrannt, kurze Shorts, schwere Stiefel, Bushhemd und einen verwegenen Aussie-Hut auf dem Kopf. Immer lachend, pausenlos redend, zupackend, resolut und direkt. Sie macht uns von Anfang an durch ihr Verhalten klar, dass sie hier unmissverst�ndlich und ohne Frage der Chef ist. Die Touristengruppe besteht aus jungen Leuten zwischen 20 und 30 Jahren. Zwei M�dchen und ein junger Mann aus D�nemark, zwei M�dchen aus der Schweiz, ein Franzose, ein P�rchen aus Deutschland und ich. Einer kann immer vorn bei Yvonne sitzen, die restlichen acht Leute quetschen sich hinten in dem Kleinbus auf zwei schlecht gepolsterte B�nke mit noch schlechterer Lehne. Jeder hat einen kleinen Rucksack dabei und da wird es schon sehr eng. Eigentlich hat der Toyota eine Klimaanlage, aber nur, wenn man direkt vorne vor der L�ftung sitzt, merkt man, dass da k�hle Luft raus kommt. Hinten ist davon nichts zu sp�ren: Fenster auf und Durchzug, das ist die einzige Variante gegen die Hitze. Im Anh�nger befindet sich unser Gep�ck, die Zelte, die Schlafmatten, das Essen, Wasserkanister.

Zu Anfang fahren wir auf der zweispurigen Hauptstrasse, die bis nach Jaribu f�hrt. Es geht durch eine savannenartige Landschaft. Zur WetTime sind hier grosse Wasserfl�chen, alles ist �berschwemmt vom Adelaide River. Sogar die Br�cke hat es weggerissen. Langsam geht es �ber eine Behelfsbr�cke. Ein grosser Fluss, der auch in der Trockenzeit sehr viel Wasser f�hrt. Die erste Pause machen wir im Bark Hut Inn. Das ist nicht mehr als ein grosses Rasthaus an der Hauptstrasse. Hier sieht man, wie viele Leute mit Bussen, Campern und PKW unterwegs sind, um den Kakadu Nationalpark zu besuchen. Hunderte gehen hier aufs Klo und das ist der letzte Punkt, wo man relativ billig Bier einkaufen kann. Auch wir nehmen ca. 100 Dosen an Bord und dann geht es weiter in Richtung Osten.

150 bis 200 km von Darwin entfernt, zweigt nach links eine Bushpiste ab, die zum West Alligator Haed f�hrt. Am Anfang ist die Piste noch ganz gut, aber schon nach wenigen Kilometern ist es ein unbefestigter, aber viel befahrener Feldweg: Gravelroad. Rund herum Savanne oder niedriger Bush. Hier brettert Yvonne mit dem Anh�nger lang, meistens mindestens mit 60 km/h. Hinter uns eine kilometerlange Staubfahne. Dann wieder ein Abzweig nach links, dort gibt es auch in der Trockenzeit mehrere Billabongs (Wasserl�cher) in der absolut flachen Landschaft. Wir steuern das Rock Hole an. Dort stehen breite Alu-Boote mit Aussenbordmotoren und F�hrer bereit. Wir machen eine Fahrt auf diesem langen und meistens nur 50 bis 150 Meter breiten See. Das Wasser ist schlammig braun, ein Restloch. Zur Regenzeit ist hier der Wasserstand mindestens drei Meter h�her, in Spitzenzeiten, wenn das ganze Land unter Wasser steht, sogar 7 Meter.

 

 

Hier sehe ich das erste Mal in freier Wildbahn tats�chlich Krokodile. Allerdings muss uns der Ranger erst mal das Sehen lernen, denn die Krokodile verstehen es hervorragend, sich unsichtbar zu machen. Aber �berall, mitten im See und an den Ufern schwimmen und liegen grosse und kleine S�ss- und Salzwasserkrokodile. Es ist nicht zu empfehlen, hier baden zu gehen. Mehrere Schwarzst�rche sind zu sehen.

 

 

Riesige Bambusstr�ucher am Ufer, in denen ganze Trauben von Flughunden h�ngen, wenige, grosse B�ume. In einem hohen Baum sitzt ein Weisskopfadler. Unter dem breiten Schirm eines alten Baumes hat sich eine grosse Schar Wildenten versammelt. Der Ranger erz�hlt etwas �ber die Lebensweise der Aborigines und zeigt, wie man hier auch ohne Proviant �berleben kann (mehr schlecht als recht). Das war ein wirklich interessanter Ausflug.

Wir steigen wieder in unseren kleinen Bus und es geht auf der gleichen Piste wieder eine Stunde zur�ck und dann nach Norden. Wir fahren �ber Savanne und durch Bush. Die Savanne besteht zur Regenzeit aus riesigen, flachen Seen. Jetzt sind weite Fl�chen schwarz und ausged�rrt, bizarre Sprungmuster in der aufgeplatzten, rissigen Oberfl�che. Erste Termitenbauten tauchen auf. Wie schaffen die Termiten es, solche Bauten zu errichten? Wer gibt ihnen Anweisungen, wo ist der Bauplan? Wahrscheinlich sind begrenzte Verhaltensregeln in den Genen fixiert. So ist Arbeitsteilung vorprogrammiert. Jede Termite macht das, was auch ihre Nachbarin macht. Das gleiche Prinzip wie beim Fisch- und Vogelschwarm, aber komplexer. Es muss zeitabh�ngige Steuerungssignale geben, wo die herkommen, ist das spannendste an der Sache. Damit aber kommt die einzelne Termite ohne Bauplan des Ganzen aus, arbeitet aber im Sinne des Ganzen. Weil die Verhaltensweise der Termiten gleich ist, sind auch ihre Bauten gleich oder �hnlich. Aber hier taucht wieder die komplizierten Fragen auf: Wo kommen die Termiten her, wer hat sie programmiert und warum gerade so ?!

 

 

Beim 4 Mile Hole wird das erste Camp aufgeschlagen und ein Lunch aus dem Anh�nger gezaubert. Die Seiten des Anh�ngers kann man hochklappen, ein Tisch wird rausgezogen. Yvonne entscheidet, was es zu essen gibt. Sie holt die Zutaten aus den Kisten, die mit Eis gek�hlt werden und erteilt Anweisungen, was zu tun ist. Alle machen mit (notgedrungen und mehr oder weniger), aus der Touristengruppe wird ganz schnell eine Notgemeinschaft, die im Bush um das �berleben k�mpft. Der Platz hier ist sch�n. Weite Savanne mit jetzt ausgetrockneten riesigen Seen, hohe Eukalyptusb�ume am Billabong bieten Schatten. Baden verboten: Krokodile !! Wir setzen uns ins Gras und es gibt Brot, Salat, Butter, Schinken Wurst und Obst. Lange dauert die Pause nicht, alles wird wieder verstaut, wir kriechen in das unbequeme Auto zur�ck und es geht wieder auf die Piste.

 

 

Diese Fahrt erscheint endlos. Es ist heiss (ich messe 37 Grad im Auto bei offenen Fenstern), wir sind erschossen, keiner und nichts kann dem Staub entkommen, alle und alles ist dreckig, wir schwitzen und wir wissen auch nicht richtig, wo wir eigentlich hinfahren. Keiner kann mit ‚West Alligator Haed‘ etwas anfangen. Auf der harten Bank werden wir permanent durchgesch�ttelt, die Piste wird immer schlechter, kilometerlange Sanddurchfahrten und Waschbretter r�tteln das Auto durch. Erstaunlich, dass alle so einen guten Magen haben. Aber die schweizer M�dchen und auch die aus D�nemark machen keine gute Figur mehr. Sp�testens jetzt stellen sich alle die Frage aller Fragen: Warum habe ich diese irre Tour gebucht, warum liege nicht irgendwo in Ruhe am Strand? Warum, um Gottes Willen, bin ich nicht bei der Hazelnut-Torte sitzen geblieben ??!

Der Ingenieur in mir erwacht und ich denke �ber Lastwechsel, Dauerfestigkeit und Eigenfrequenzen nach. Dabei l�se ich auch das R�tsel der Waschbretter. Warum entstehen diese endlosen Waschbretter auf der Piste? Ganz schnell ist klar, wie das funktioniert: Das Auto schaukelt sich auf, nat�rlich hat es eine Eigenfrequenz. Die Amplitude kann offensichtlich so stark werden, dass das Fahrzeug leicht, fast oder ganz die Bodenhaftung verliert. Auf alle F�lle gibt es dann mehr oder weniger Schlupf zwischen Piste und Reifen. Und genau das ist der Effekt: Dieser Schlupf bewirkt, dass die R�der praktisch die Waschbrett-Dellen quer zur Fahrtrichtung ‚ausfr�sen‘. Sind sie erst mal im Ansatz da, sind diese kleine Huckel der ideale Erreger, der das Auto genau in der Eigenfrequenz aufschaukelt: Die Dellen werden immer tiefer, die Waschbretter immer l�nger. Es hilft nur eins: Schneller oder langsamer fahren, um der Eigenfrequenz zu entkommen. Aber das weiss Yvonne offensichtlich nicht. Sie f�hrt endlose Kilometer direkt in der Eigenfrequenz! Erstaunlich, dass diese Fahrzeuge das offensichtlich mehr als 100.000 Kilometer aushalten.

Die Umgebung hat sich seit Stunden fast nicht mehr ge�ndert: Eukalyptusb�ume, h�chstens 5 bis 7 Meter hoch und dazwischen die Stachelpalmen aus Tenggol. Alles ist schwarz und verbrannt, offensichtlich brennt es hier st�ndig, weil alles knochentrocken ist. Aber das ist seit Jahrtausenden so, sagt Yvonne. Kein Problem, wenn man nicht selber mitten drin ist, wenn es brennt. Es gibt auch keine besonderen Brandschutzvorschriften. Im Gegenteil, Feuer anmachen ist �berall erlaubt, es w�re sch�n, wenn die Leute dabei ein bisschen aufpassen, dass der Bush nicht anbrennt. Aber wenn nicht, fr�her oder sp�ter brennt er ja sowieso ...

Irgendwann h�lt Yvonne mitten im Bush an und erkl�rt der v�llig abgek�mpften Mannschaft freudestrahlend und mit sprudelnder Suada, dass wir jetzt da sind, wo wir hin wollten und dass wir uns jetzt entscheiden sollen, wo wir die Zelte aufbauen !? Keiner will und kann glauben, dass das ernst gemeint ist, denn von einem Zeltplatz ist nichts zu sehen, alles ist nur Bush !! Der einzige Unterschied ist, dass auf einer Fl�che 20 x 20 Meter das Unterholz mehr oder weniger gerodet worden ist. Aber Yvonne tut so, als ob sie unser Entsetzen nicht wahr nimmt. Sie entscheidet, hier stellen wir die Zelte hin, klappt den Anh�nger auf und schmeisst einen grossen, v�llig verstaubten Sack in den Dreck: ‚Da sind die Zelte drin, immer zwei Mann in ein Zelt, die Matten sind auf dem Anh�nger! Los, an die Arbeit, es dauert nicht mehr lange und es ist dunkel !!‘ Was bleibt uns verdatterten und von der Zivilisation und der dort herrschenden Hygiene total verw�hnten Weichlingen anderes �brig, als mit spitzen Fingern die Zelte aus dem Sack zu holen und sie aufzubauen ?! Ich mache einen grossen Fehler und steige auf das Dach des Anh�ngers. Dort sind die Matten verseilt, die den ganzen Tag in der Staubfahne hinter uns hergefahren sind. Ich l�se die Verschn�rung und reiche die eingesauten Matten runter. Weil ich das so gut mache, bleibe ich f�r die ganze Safari auf dieser Aufgabe h�ngen: Matten runter und Matten rauf und oben verschn�ren, das ist ab sofort Johnnys Aufgabe. Ich baue mit dem Franzosen das Zelt auf und werde mit ihm darin schlafen. Das ergibt sich fast automatisch aus der Konstellation der Gruppe. Wir versuchen, die Matten so gut es geht mit Lappen und Papier sauber zu machen. Aber wir geben bald auf, denn die Zelte sind genau so dreckig und die kriegt man gar nicht sauber. Als die Zelte stehen, sind wir noch mehr verschwitzt und noch dreckiger, als wir schon vorher waren, aber wir haben uns in unser Schicksal ergeben. Offensichtlich ist das der Stil der Safari, die wir ja alle freiwillig gebucht haben. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Ich bin besonders sauer, weil es �berhaupt kein Problem gewesen w�re, mein herrliches Zelt und die sch�ne, saubere Luftmatratze mitzubringen. Ich h�tte nur wissen m�ssen, was man uns hier f�r Zelte anbietet! Das ist immer das schlimmste, wenn man genau weiss, wie es eigentlich sein k�nnte ...!

Aber Yvonne l�sst lange �berlegungen nicht zu. Sie hat das Prinzip �bernommen, was man auch bei konditionsstarken Kindern anwendet: Die G�ren m�ssen tot geritten werden! Auch wir m�ssen pausenlos besch�ftigt werden, nur dann mucken wir nicht auf und fallen am Abend todm�de auch ins dreckigste Bett. Nach diesem Motte bl�st sie zur Exkursion, kaum dass die Zelte stehen. Wir brechen auf und nach ca. 400 Metern Fussmarsch durch den Bush merken wir erst, wo wir �berhaupt sind: Das Meer ist ganz nahe, Strand mit Muscheln und Brandung, eine frische Briese: Der Van Dieman Gulf. Auf dem Weg zum Strand begegnen wir auch andere Camper, die hier unter �hnlichen Bedingungen ihren Urlaub verbringen. Ausserdem stellen wir mit gr�sster Erleichterung fest, dass es hier auch eine Toilette und einen grossen Wasserbeh�lter gibt, der auf einem Mast steht. Unten befindet sich ein Wasserhahn und sogar eine Dusche !! Einfacher und primitiver geht es zwar nicht mehr, aber immerhin: Wasser zum Waschen! Das hebt die Stimmung ganz gewaltig. Die Sonne steht noch ein ganzes St�ck �ber dem Horizont. Deshalb machen wir erst noch eine Wanderung im Urwald hinter der D�ne. Ein interessanter Wald mit riesigen B�umen und wenig Unterholz. W�rgerfeigen, Eukalyptus und viele Stachelpalmen. Er sieht wie der Regenwald am Cape Tribulation aus, aber jetzt in der Trockenzeit ist vieles braun und knochentrocken.

Wir marschieren durch Sand und wegloses Unterholz, Yvonne in scharfem Schritt immer vorne weg. Eine interessante Wanderung und schon zeigen sich erste Konditionsschw�chen bei den schweizer M�dchen. Das sind wohl die schw�chsten in der Gruppe. Als sehr angenehm empfinde ich, dass es hier kaum Moskitos gibt. Ich habe Autan dabei, ich werde nicht gestochen. Es hilft auch gegen die wenigen, aber sehr aggressiven Fliegen. Das h�tte dem ganzen Kulturschock noch die Krone aufgesetzt: Moskitoschw�rme wie in Tenggol oder Bydalen. Das kommt hier vor, aber jetzt ist es daf�r zu trocken.

Wir kommen da wieder aus dem Wald, wo wir das erste mal den Strand gesehen haben. Sonnenuntergang. Ohne Wolken und ohne Spektakel versinkt die Sonne im Meer, w�hrend wir ersch�pft am Strand liegen. Hier gibt es jetzt tats�chlich mal eine halbe Stunde Pause. Der Strand ist ziemlich schmal, die D�ne hoch, viele Muscheln und Korallenschutt. Ich finde eine sch�ne Koralle, fast faustgross: Mein Souvenir vom West Alligator Haed, wo ich mit Sicherheit in meinem Leben nie wieder hinkommen werde!

Als es dunkel wird, laufen wir zu den Zelten zur�ck. Yvonne klappt den Anh�nger auf, holt eine Gaslampe heraus verteilt die Arbeit die jetzt geleistet werden muss, um ein Dinner zustande zu bringen: Feuer machen (Holz wurde schon unterwegs eingesammelt), Salat, Kartoffeln sch�len, Tee kochen, Konserven aufmachen ... Viel Arbeit f�r jeden und jetzt zeigen sich die Schw�chen und St�rken der einzelnen Leute. Die Schweizer sind die geborenen K�chenhilfen (sp�ter stellt sich heraus, eine der M�dchen ist eine gelernte K�chin). Die D�nen sind willig und hilfsbereit, aber mit linken H�nden ausgestattet, gleich alle drei. Der Franzose dr�ckt sich, wo er kann. Wenn es sein muss, kann er aber alles und das sehr gut: Er hat gerade sein Ingenieurstudium abgeschlossen, wie sich sp�ter herausstellt. Das P�rchen aus Deutschland hilft Yvonne bei der Verteilung der Arbeit ...! Uwe und Heidi wissen und k�nnen alles, sind aber von dem Dreck mindestens so genervt, wie ich. Man sieht deutlich, welche �berwindung es sie kostet, �berhaupt etwas anzufassen: Hier ist ja alles dreckig! Ich packe richtig zu, es gibt ja kein Entrinnen. Als alles organisiert ist und alle nur noch darauf warten, dass das Essen auf dem offenen Feuer fertig wird, setze ich mich in die N�he der einzigen Lampe und schreibe die Stichpunkte vom heutigen Tag in mein Reisebuch. Die anderen quatschen miteinander, werten den Tag aus. Ich halte mich zur�ck und sage nicht viel. Dann wird ohne Tisch von Blechtellern gegessen und aus Blechtassen heisser Daintree-Tee getrunken. Aber Yvonne hat tats�chlich 10 Klappst�hle ohne Lehne im Anh�nger, unerh�rter Luxus. So hat jeder wenigstens einen Sitzplatz. Es schmeckt vorz�glich und die Stimmung hat sich gebessert. Nach dem Dinner ist wieder Arbeit angesagt: Abwaschen, Abtrocknen, Aufr�umen.

Der Abend wird nicht lang, wir sind alle kn�lle. Endlich k�nnen wir uns waschen und ins Bett kriechen. Als ich unter dem Wasserturm in der Dusche stehe habe ich den Eindruck, dass ich noch nie so dreckig war wie jetzt und noch nie eine Dusche so wie hier genossen habe !! Dabei ist hier alles k�mmerlich und einfach! Primitiver geht es nicht mehr nach dem Motto: Hier gibt Wasser, das alleine ist schon so unwahrscheinlich, das reicht! Es gibt hier nichts, wo man sich ausziehen, seine Sachen und das Handtuch ablegen kann. Kaum Sichtschutz ist vorhanden aber ein grosses Schild: Wasser nur entnehmen, wenn es unbedingt n�tig ist! Ich bin einer der ersten unter dieser absolut notwendigsten Dusche aller Zeiten und davor wartet unsere ganze Truppe. Nur Yvonne demonstriert durch einfaches H�ndewaschen und Z�hneputzen, dass Duschen ein �berfl�ssiger Luxus ist: ‚F�nf Tage im Bush h�lt man auch ohne Dusche aus!‘ Dazu fehlt uns noch das Training. Und die Ern�chterung kommt gleich danach, als wir frisch geduscht in das entsetzlich dreckige Zelt mit der eingesauten Schlafmatte kriechen. Im Zelt ist es mindestens noch 30 Grad warm, sofort f�ngt man wieder an zu schwitzen. Warum sind wir unter die Dusche gegangen, wenn wir jetzt schon wieder nass sind ?! Ich lege meine immer bereite ISO-Matte auf die dreckige Unterlage und darauf erst meinen sch�nen sauberen Schlafsack. So ist es auszuhalten. Yvonne hat inzwischen ihr Superzelt aufgebaut ... sie wusste, was f�r Zelte in dem Sack sind !! Mein Zelt w�re noch besser gewesen, aber ... Schwamm dr�ber. Wir sind gegen 21 Uhr so m�de, dass wir fast schon eingeschlafen sind, bevor wir die Horizontale erreicht haben. Yvonne hat ihr Ziel erreicht: Wir sind geschafft.

 

 

 

 

 

 

 

LANGE FAHRTEN
UND HOHE FELSEN

04. Oktober 1998, Sonntag

 

Meine Notizen im Reisetagebuch f�r heute:

041098, S�dlich von Jabiru

Ich hasse Bushcamping und ich schw�re bei allen G�ttern, nie wieder werde ich mich dazu verleiten lassen! Aber man kann erst etwas hassen, wenn man es mal mitgemacht hat. Und das hier ist eine Tour, bei der man Bushcamping in der schlimmsten Variante erlebt, weil man in einer Gruppe unterwegs ist. Sobald man alleine im Bush ist, hat man wenigstens noch die Freiheit, anzuhalten, zu essen, die Route zu bestimmen und vielleicht auch aufzugeben. Aber hier wird von Yvonne der Kurs und das Programm festgelegt und man hat keine Wahl, man muss mitmachen, ob es einem passt, oder nicht. Was ich daran so hasse ist:

Jetzt sitze ich an einer Gaslampe. Am offenen Feuer werden Steaks gebraten. Die Zelte wurden im Dunklen aufgebaut (da war wenigstens der Dreck nicht mehr zu sehen). Dann wurde erst mal eine halbe Stunde Pause gemacht und gequatscht ... Ich ging duschen – eine Wonne. Hier gibt es ordentliche Toiletten und Duschen: Gestern, das war das Minimum, was man noch Dusche und WC nennen kann. Alle warten hier auf ein schweres und fettes Dinner, danach geht’s (endlich) ins Bett. An die Temperaturen kann man sich offensichtlich gew�hnen. Heute habe ich sie schon besser vertragen, als gestern. Dabei war es heute genau so heiss und schw�l wie gestern. Das Programm heute war hart, aber gut:

 

In Stichworten der heutige Tag:

6:00 Aufstehen, Rasieren, Duschen, Fr�hst�ck, Spaziergang an der Beach mit Mangroven, vielen laufenden Schneckenh�usern, springenden, surfenden Fischen: 8 x !!

9:45 R�ckfahrt zum Highway: 200.000 Lastwechsel pro Stunde ... wie halten Auto und Anh�nger (und die Menschen) das aus?! Temperatur innen wieder 37�

12:00 am Highway

13:00 Mittag auf einem Rastplatz Mamukala Wetlands, 25.000 Enten ...

14:30 Ubirr, Info �ber die Dreamtime der Aborigines Felszeichnungen, Ganz irre Postkartenansichten

17:45 Nourlangie Rock, Entsetzlich viele Fliegen, Felszeichnungen, Aussicht mit Abendrot

19:15 Ankunft hier: Mardugal Camp Ground

 

Splitter:

 

Heute, am 27.02.1999, schreibe ich mit diesen Stichpunkten auf, wie ich diesen Tag im Bush in Erinnerung habe:

Mit dem Sonnenaufgang wird aufgestanden. Damit habe ich kein Problem. Im Gegenteil. Das ist die sch�nste Zeit des Tages, alles ist ruhig, alle noch in den Zelten, die Luft ist angenehm frisch. Yvonne weckt nicht, das ist nett von ihr, sondern sie f�ngt an, das Fr�hst�ck zu machen und dabei trudeln langsam alle ein. Ich bin fast immer der erste und mache beim Fr�hst�ck mit. Nach dem Fr�hst�ck machen wir eine Wanderung am Strand in die andere, �stliche Richtung.

 

 

Das ist hoch interessant: Hier k�mpft der Urwald gegen die See, ein �hnliches Szenario wie in Midge Point: Mangroven auf Felsen, auch weit draussen im Meer, grosse, umgest�rzte B�ume, ausgewaschene Felsen, es ist Flut. Und in der schwachen Brandung viele ca. 10 cm lange schmale Fische, die aus dem Wasser springen und auf der Wasseroberfl�che surfen! Sie schlittern wie flache Steine, die man auf das Wasser wirft. Ich habe gez�hlt, ach mal ‚hopst‘ so ein Fisch �ber die Wasseroberfl�che! Und das machen nicht einzelne Fische, sondern Schw�rme von 10 bis 15 Fischen. Ein ganz seltsames Schauspiel. Ich versuche es zu fotografieren: Keine Zeit und nicht das richtige Equipment. Wir laufen ca. 1,5 Kilometer am Strand entlang. Es ist beschwerlich, es gibt keinen Weg. Zur�ck geht es auf einem Wanderweg im Bush, vorbei an einer verlassenen Rangerstation mit verrosteten Maschinen und uralten Autos. In einem alten Autoreifen, der noch an einem verrosteten Laster h�ngt, haben sich Ameisen einen Bau eingerichtet.

 

 

Dann geht es die lange Bushpiste zur�ck bis zum Highway. Diese Fahrten sind belastend. Es ist heiss, es ist laut, man sitzt zusammengepfercht auf einer harten Bank und wird durchger�ttelt. Dazu dr�hnt noch Musik mit voller Lautst�rke aus den Lautsprechern: Yvonne hat Kassetten mit Musik mit, die die Yuppies kennen, die bei mir aber nur als schrecklicher, v�llig unn�tiger Krach ankommt. Aber auch damit wird man fertig, man kann dem Get�se ja nicht entkommen. Auf diesen Fahrten kann man nichts machen, f�r Gespr�che ist es zu unruhig und zu laut, Lesen oder Schreiben entf�llt wegen der starken, dreidimensionalen R�ttelamplitude!. Man muss einfach warten, bis es vorbei ist. Angehalten wird nur zu einer kurzen Pinkelpause. Aber diese Stunden im engen, lauten Auto k�nnen auch Ruhepausen sein. Hier ist man mit sich alleine, bekommt den Kopf frei und kann sich Gedanken �ber Gott und die Welt machen. Heute besch�ftige ich meinen Kopf mit der Berechnung der Lastwechsel, die auf das Fahrzeug wirken, w�hrend es auf der Waschbrettpiste unterwegs ist. Es k�nnen ca. 200.000 pro Stunde sein und es ist im h�chsten Grade erstaunlich, dass diese Autos (fast nur Toyotas) solche Belastungen jahrelang aushalten. Das Auto ist ein Benziner mit zwei 80-Liter-Tanks. Yvonne weiss nicht, wieviel Zylinder und KW der Wagen hat. Jedenfalls genug. Aber er hat sechs normale G�nge und dazu 3 Allradg�nge, hinten eine Starrachse, Blattfedern und eine hochbeinige Karosse. Nur vorn gibt es zwei richtige Sitze, vorn hat man auch etwas K�hlung aber von Klima kann keine Rede sein. Im hinteren Raum k�nnte man vielleicht 6 Sitze unterbringen. Jetzt stehen da zwei ganz normale Holzb�nke mit Schaumstoffauflage. Man kann aufrecht sitzen, das ist ja schon was. Bei acht Leuten mit je einem kleinen Rucksack geht es aber nicht ohne direkten K�rperkontakt: Becken an Becken. Auch bei den Beinen muss man sich mit seinem Gegen�ber einigen. Die Fenster sind meistens offen: Durchzug. Wenn man direkt davor sitzt, hat man den Eindruck, vor einem Heizl�fter zu sitzen. Der Wagen ist mindestens f�nf Jahre alt. Die hintere Doppelt�r schliesst, aber sie knattert wie eine Nagelmaschine, wenn es �ber Waschbretter geht. Der Blech-Fussboden ist streckenweise beheizt, irgendwo da unten liegt der Auspuff. Am sp�ten Nachmittag wird Holz gesammelt und auf dem Dach verstaut: Feuerholz f�r den Abend. Auf dem Dach ist auch ein Wasserbeh�lter vert�ut. Aus dem kann man sich Eiswasser abzapfen. Aber das Eis ist l�ngst alle, Wasser gibt es, es wird aus Kanistern nachgef�llt. Yvonne hat am Anfang strikt darauf geachtet, dass jeder eine grosse und eine kleine Trinkflasche hat. Sie h�lt uns immer wieder zum Trinken an, jeder soll t�glich 6 bis 10 Liter trinken, ich schaffe h�chstens 5.

 

 

Wir erreichen gegen 12 Uhr den Highway und fahren weiter in Richtung Osten bis zu den Mamukala Wetlands. Ein Spar-Lunch auf dem Parkplatz davor. Dann laufen wir ein St�ck auf dem Mamukala Walk. Teilweise geht es auf Bohlenwegen �ber Wasser und Sumpfgebiet. Hier sind grosse Feuchtgebiete, die auch in der Trockenzeit noch nass sind und Futter f�r viele Wasserv�gel bieten. Sumpfige Grasfl�chen, einzelne grosse B�ume, Seen, eine sch�ne, weite Parklandschaft. Es sind auch jetzt viele Enten und G�nse hier zu sehen, aber jetzt ist keine Brutzeit. Dann leben und br�ten hier verschiedene Wasserv�gel in riesigen Scharen, 25.000 Exemplare pro Art, steht auf den Infotafeln. Ich denke, es k�nnten auch wesentlich mehr sein.

Wir bleiben nicht lange, wir wollen nach Ubirr, das liegt ca. 120 km weiter nord�stlich. Dahin f�hrt der Highway. Das ist die Strasse nach Jabiru, zweispurig, Teerbelag, keine Autobahn aber eine sehr gute Strasse, auf der man ohne R�tteln fahren kann. Sch�n ist, dass Yvonne uns nicht in diese Stadt oder in touristische Zentren f�hrt, wo man Souvenirs kaufen kann und auch sonst abkassiert wird. Das ist auch dem Bushgirl suspekt. Wir bleiben immer so nahe an wie m�glich der Natur. Auch wenn das dreckig und anstrengend ist: Das ist wirklich gut.

Um 14:30 steigen wir in Ubirr an einem Parkplatz neben hohen Felsen aus. Hier ist Aboriginal-Land. Aber es ist mit dem (freiwilligen ...?) Einverst�ndnis der Aborigines voll f�r touristische Zwecke erschlossen. Ausser auf einigen Informationstafeln ist hier kein Aboriginal zu sehen, auch nicht als Tourist. Ubirr ist ein Gel�nde, mindestens 15 x 25 Kilometer gross. Grasland, Seen, Fl�sse und dazwischen 300 Meter hohe Felsformationen.

 

 

Von da oben gibt es eine herrliche Sicht �ber die ganze Gegend. Postkartenansichten, wohin man guckt, eine vielf�ltige, sehr interessante Landschaft. Yvonne l�sst uns auf dem Felsen auch mal � Stunde allein. Ruhe und Besinnung. Drei Stunden w�ren mir lieber gewesen. Aber hier geht es nicht nur um landschaftliche Sch�nheit, hier ist eine der bedeutendsten Stellen in Australien, wo die ‚Rockart‘ der Aborigines zu besichtigen ist: Bis zu 9000 Jahre alte Felsbilder, die in der Dreamtime eine zentrale Rolle spielen. Yvonne erz�hlt viel von den Aborigines und der Dreamtime. Sie macht das gut und einf�hlsam. Die naiven schweizer M�dchen verstehen weder English noch den Sinn von Dreamtime, Uwe spielt den Dolmetscher und den Guide f�r sie. Wenn ich mich richtig auf die Rede von Yvonne konzentriere, dann verstehe ich alles. Es ist gut, dass ich vorher schon einiges gelesen habe. Die Felsbilder selber sprechen mich emotional kaum an. Subjektiv f�r mich sind sie weder sch�n noch interessant. Erstaunlich ist nur, dass sie so alt sind, obwohl sie v�llig der Witterung ausgesetzt sind. In den Felsen davor sind Vertiefungen zu sehen, in denen die Farbe hergestellt wurde. Die Farbe penetriert den Stein bis zu 10 mm tief. Deshalb sind die Bilder erhalten geblieben. Die genaue Bedeutung der Felsbilder kennen nur die Aborigines, sie sind tief in ihre Mythen eingebunden. Die Weissen k�nnen dazu kaum Beziehungen entwickeln. Es gibt Bilder, die d�rfen z.B. die Frauen der Aborigines aus zeremoniellen Gr�nden nicht sehen. Hier laufen t�glich hunderte von Frauen vorbei. Die Bildergalerien sind den Aborigines heilig, aber darauf wird hier keine R�cksicht genommen, f�r Touristen sind sie ein Event unter vielen ....

Ich bin viel mehr von der Landschaft fasziniert. Diese Landschaft ist einmalig. Es gibt bizarre Felsformationen, stark erodiert, gr�nes Grasland, trockenen Bush und Wasserfl�chen. Von oben hat man einen herrlichen Blick �ber das Land, sieht den weiten Horizont mit den hohen Wolken und die Felsstrukturen am Horizont. Eine wirklich einmalige Landschaft. Der Film ‚Crocodile Dundee‘ wurde hier gedreht. Davon habe ich schon mal was geh�rt, gesehen habe ich ihn nicht. Egal welche Story er erz�hlt, alleine wegen dieser Landschaft muss man sich diesen Film ansehen!

Wir haben viel zu wenig Zeit in dieser Gegend. Yvonne dr�ngt zum Aufbruch. Wir fahren nach S�den durch eine Bushlandschaft mit hohen Felsen im Hintergrund. Faszinierende Ausblicke, aber keine Zeit zum Anhalten. Aber wir werden in Nourlangie Rock entsch�digt. Wir steigen auf einem Parkplatz aus. Ein grosser Parkplatz, aber jetzt am Abend ist keiner mehr da, wir sind alleine. Rund um den Parkplatz ragen hohe, steile Felsen auf, verwittert, alle Schattierungen von Rot.

 

 

Auch hier gibt es Felszeichnungen und eine Stelle, wo wohl Jahrtausende hindurch das Feuer der Aborigines nicht ausgegangen ist. Hier sind die Felszeichnungen zu sehen, die ich schon von B�chern her kenne: Es geht um eine Story von Inzest und der Bestrafung durch den Gott der Gewitter. Diese Felszeichnungen hier in Nourlangie Rock geh�ren zu den �ltesten, die es in Australien �berhaupt gibt.

 

 

Schrecklich viele aggressive Fliegen gibt es auch hier. St�ndig muss man wedeln. Mit einem abgerissenen Zweig geht das am besten. Was wollen die Fliegen nur: Sie finden auf der Haut Fl�ssigkeit, das scheint den Angriff auf die Menschen wert zu sein. Inzwischen geht die Sonne unter. Wir steigen auf einen kleinen Felsh�gel und sehen von dort oben ein wirklich phantastisches Panorama.

 

 

Ganz nahe die fast senkrechten Felsw�nde des Nourlangie Rock, im Westen, viele Kilometer weit weg eine andere Felskette, von der Sonne rot beschienen. Heller Himmel, dunkle Wolken mit roten R�ndern. Herrlich. Aber wieder bleiben uns nur ein paar Minuten. Gerne w�rde ich hier sitzen, bis es dunkel ist. Yvonne aber treibt uns zum Auto zur�ck. Wahrscheinlich will sie mit uns nicht im Dunklen von diesem Felsen runtersteigen. Als wir einsteigen, ist es fast schon dunkel und wir fahren noch eine knappe Stunde bis zu unserem heutigen Camping Platz.

 

 

Der Mardugal Camp Ground ist ein grosses und komfortables Gel�nde. Es gibt herrliche Duschen und Toiletten, aber geschlafen wird im Bush und in unseren wunderbaren Zelten. Inzwischen ist das Ritual schon eingespielt: Zelte raus, Matten runter (ich habe sie inzwischen oben in einer Plane verschn�rt, da werden sie nicht jeden Tag wieder neu dreckig), Zelte aufbauen, Feuer machen, kochen.

 

 

Hier gibt es am Zeltplatz sogar einen Tisch. Mit grossem Appetit wird gegessen, was auf dem offenen Feuer zubereitet worden ist. Lebhafte Gespr�che. Aber sie drehen sich nicht um die Aborigines und die Felszeichnungen, sondern um Urlaub, Arbeit und die n�chsten Reisetermine. Jeder produziert sich, so gut er kann. Yvonne hat weiterhin fest das Heft in der Hand, aber gleich danach kommen Uwe und Heidi. Sie sind f�r jede auftauchende Frage die letzte Instanz. Das ist inzwischen von der Gruppe anerkannt. Nur ich halte mich weiterhin deutlich zur�ck. Ich mache viel, sage aber wenig und ich merke, dass mich die Leute nicht einsch�tzen k�nnen. Was ist das �berhaupt f�r ein Typ, er ist freundlich zu allen und hilfsbereit, aber gleichzeitig sehr zur�ckhaltend. Warum ?! Besonders Uwe ist verunsichert. Er ist sich nicht sicher, ob ich ihm den Rang als Platzhirsch streitig machen will. Um seinen Rang zu betonen ist er hektisch aktiv und gibt in jeder Situation seinen kompetenten Kommentar ab. Uwe bem�ht sich um alle, nur mir geht er aus dem Weg, er ignoriert mich wo es m�glich ist, sieht einfach durch mich durch. Er hat auch immer noch nicht akzeptiert, dass Yvonne hier der Chef ist. Wenn Yvonne es zulassen w�rde, h�tte hier schon l�ngst Uwe das grosse Sagen, unterst�tzt von Heidi. Aber darauf l�sst sich Yvonne nicht einmal im Ansatz ein. Es ist ein herrliches psychologisches Spiel im Gange, was ich am�siert und mit grossem Interesse aus der hintersten Reihe beobachte.

Als wir schlafen, werden wir gegen 2 Uhr durch einen Platzregen aufgeschreckt: Meine ausgezogenen Sachen und auch die von Christoph h�ngen draussen auf der Leine und wir haben das �berzelt nicht installiert !! Also raus und die Sachen retten, �berzelt aufbauen und so schnell wie m�glich wieder rein! Aber draussen ist es inzwischen schon nass und schlammig, diesen Dreck schleppen wir an den F�ssen mit ins Zelt ...! Das ist Bushcamping. Man muss es lieben, oder lassen !! Draussen dampft alles, im Zelt ist es entsetzlich heiss, schw�l und stickig. So kann ich jetzt nicht schlafen, ich bin hell wach. Ich nehme das Rasierzeug und laufe (ca. 500 Meter) bis zum WC-Geb�ude. Es ist dunkel, kein Mond am Himmel oder er ist hinter Wolken. Am Abend habe ich mit Christoph beobachtet, wie der Jupiter dicht �ber dem Mond stand, drei Monddurchmesser dar�ber (s. Sternenkarte). Ein grosses K�nguruh wird aufgeschreckt und l�uft mir vor die F�sse. Im Waschraum ist es stockdunkel und es gibt keinen Lichtschalter. Wahrscheinlich wird das Licht automatisch zeitabh�ngig gesteuert. Auf die Toilette kann man auch im Dunkeln gehen. Aber Rasieren? Na klar, auch das geht, solange man noch Finger zum F�hlen hat, braucht man auch daf�r kein Licht. Dann laufe ich wieder zur�ck. Draussen ist es deutlich heller, als im Waschraum. Eine sch�ne, ruhige Nacht, weitgehend klarer Himmel, die Sterne sind aber nur durch die dichten B�ume zu sehen. Von Regen und Schlamm inzwischen schon keine Spur mehr.

 

J�rgen Albrecht
Leipziger Strasse 47/16.03
D-10117 Berlin
Fax: 030 2016 5019
E-Mail: [email protected]
AL/220499

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