Sehr weibliche Frau aus oberen Kreisen
Eine allermindest 70-jährige Frau aus oberen Kreisen von Geisteswissenschaft und Geld, wirklich gut aussehend und sehr weiblich, horcht in klassischem Landhaus über dem Rhein in Ruhe auf die leisen und die Zwischentöne. Warum hat die frühere Powerfrau keinen Mann? Warum ist sie, obwohl unbestimmbaren Alters und gelassen mit den Zinsen privatisierend, nicht zufrieden mit sich und ihrer Welt? Statt differenziert, kreativ und extrovertiert ihre Freiheit in vollen Zügen zu geniessen, will sie sich in die Abhängigkeit eines Mannes ohne Absonderlichkeiten aber aus handverlesenen Kreisen begeben und mit ihm - obwohl bisher jung geblieben - herzerwärmend alt werden. Warum so viele Illusionen? Da sie doch selbst in handverlesenen Kreisen zu Hause ist sollte sie wissen, dass es zwar Ästheten und Schöngeister zu Hauf gibt und Gourmets wie Sand am Meer. Bindungsfähigen Männer aber, die mit 65 Jahren bereits ihre Altlasten bewältigt haben, sind rar, wenn es sie überhaupt gibt. Absolut hoffnungslos aber scheint es zu sein, auf einen so gefühlsfähigen Mann zu hoffen, wie ihn sich eine sehr weibliche, sehr schlanke und sehr blonde Frau in ihrem romantischen Garten erträumt. Diesen Mann müsste man erfinden oder von einem anderen Stern holen. In 100 Jahren kann man ihn vielleicht in einer Petrischale aus Stammzellen wachsen lassen. Aber auch wenn das endlich funktioniert, wie kann man diesen idealen männlichen Embryo in wenigen Wochen 70 Jahre alt werden lassen? Die preußisch zuverlässige Inserentin bittet um aussagefähige Zuschriften mit konkreten Angaben. Die Powerfrau erwartet Fakten, die vertraglich fixiert werden können. Die liebevolle Verbundenheit wird als Bonus gewährt. Wer wird ihr schreiben? Nur Männer aus ihren oberen, akademischen und handverlesenen Kreisen. Sie haben (vielleicht) alles, sie können (angeblich) alles und sie versprechen (mit Sicherheit) auch alles. Sie sind von unbestimmbarem Alter, behaupten wirklich gut auszusehend und jung geblieben zu sein, natürlich sind sie differenziert und selbstverständlich kreativ. Nur eines vermögen sie trotz allen Vermögens nicht: Alleine mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Faszinierend sich vorzustellen, wie die sehr weibliche, jung gebliebene Frau, in Ruhe und Gelassenheit auf alte Männer trifft, die ihren Defekt besitzen. Wie die privatisierende Dame an nobler Adresse sind sie dem Wahn verfallen, dass Seelenfrieden dadurch zu finden ist, dass die besseren Kreise, die klassischen Werte, die Vermögen, vor allen Dingen aber die bisher nicht erreichte Zufriedenheit dupliziert werden. Was also ist der so weiblich extrovertierten Lady in liebevoller Verbundenheit zu raten? Rettung ist nicht von Unternehmertum und Vermögen zu erwarten. Geld ist nützlich, aber kein Garant für Zufriedenheit. Nur die oberen Kreise der Geisteswissenschaften verheissen einen Ausweg, wenn es überhaupt einen Ausweg gibt. Gelingt es, mit Vernunft und Wissenschaft, sich selbst und allein Zufriedenheit über Einsicht zu verschaffen, ist danach alles ganz einfach. Gelingt es nicht, bleiben nur die Lösungen übrig, mit denen sich das gemeine Volk begnügen muss: Fressen, Ficken, Fussball und Fernsehen.
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Jürgen Albrecht, 10. Oktober 2004