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Amerikanische Denkweise

Meine alte Freundin Helga hat mich heute ins Kino gelockt. Der Film AIRFORCE NUMBER ONE steht in allen Charts an ersten Stellen. Diesen Film möchte sie sich ansehen und ich gehe (ahnungslos wie sie) mit. Kino KOSMOS in der Karl-Marx-Allee. Ewig bin ich dort nicht gewesen. Das Kino ist völlig umgebaut (10 Kinos in einem). In der Karl-Marx-Allee (früher Stalin-Allee) ist die DDR immer noch präsent.

Der Film erweist sich schon nach den ersten fünf Minuten als typischer 'Action-Thriller' mit einer Story, auf die nur Amerikaner kommen können: Der Präsident der USA verkündet in Moskau, daß er ab jetzt mit allen, die etwas gegen die freie Marktwirtschaft und den Kapitalismus haben, kurzen Prozeß machen wird. Mit solchen Völkern und Menschen wird nicht mehr verhandelt, ab sofort werden alle diese Bösen die Stärke der USA und ihres Super-Präsidenten kennen und fürchten lernen.

Fünf (natürlich russische) Terroristen fliegen mit der Präsidentenmaschine zurück in die USA. Nach dem Start eine wilde Schießerei an Bord, trotz vieler MP-Salven fliegt die Maschine unbeschädigt weiter, viele Tote, die Geiseln im Konferenzraum eingeschlossen, der Präsident mit Rettungskapsel ausgestiegen. Forderung der Terroristen an die USA-Regierung: Freilassung des (bösen) Afghanischen Präsidenten, der vorher aus seinem Palast unter Beteiligung der USA (der gute Weltpolizist) gekidnappt wurde. Landungsversuch in Ramstein, Germany. Der Chefterrorist erschießt die Piloten bei der Landung, kann den Jumbo selber fliegen und hebt mit der Maschine wieder ab, die schon auf der Landebahn aufgesetzt hatte. Dramatische Aktion, gerade so geschafft.

Es geht zurück nach Afghanistan. Plötzlich taucht der Präsident als Einzelkämpfer wieder auf, ein Präsident der USA verläßt seine NUMBER ONE nicht, er ist selber Number one. Er besorgt sich Waffen, telefoniert und koordiniert die Befreiungsaktion mit seinem Stab im Weißen Haus, alle so heimlich, daß die (blöden) Terroristen nichts merken. Er läßt den Treibstoff der Maschine ab, er weiß, welche Drähte dazu kurz zu schließen sind. Er schickt ein Rettungsfax ans Weiße Haus, er bringt alle Geiseln (natürlich unbemerkt) ins Frachtgeschoß und versorgt sie mit Fallschirmen. Alle springen ab und sind gerette, der Präsident bleibt an Bord. Als er gefangen wird, spielt er den großen, guten Helden. Brutale, böse und terroristische Russen. Heroische Amerikaner. Standhafter Präsident, Tränen von Frau und Tochter. Aber mit einer Glasscherbe schneidet er sich blutend die Fesseln auf,

erschlägt und erschießt seine Feinde und weil keiner mehr übrig ist, fliegt er auch noch den Jumbo wieder zurück in die Freiheit. Angriffe feindlicher, afghanischer Düsenjäger werden überstanden, Familie wird gerettet, der Kampf mit dem letzten Verräter wird gewonnen. Happy End: Alle Terroristen sind tot, der böse afghanische Präsident wird nach seiner erzwungenen Freilassung doch noch im Großformat erschossen, alle Guten werden ohne Ausnahme gerettet. Der Präsident der USA und die amerikanische Lebensart hat auf der ganzen Linie gesiegt.

Wer hat die Idee zu so einer platten GutundBöseStory? Wer findet Geldgeber, die in einen solchen idiotischen Stoff 20 oder 40 Millionen Dollar investieren? Wer kann begreifen, daß ein solcher Film wochenlang Spitzenplätze in allen Charts belegt und seine Produktionskosten mühelos wieder einspielt? Wie blöd sind die Kinogänger ... nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in Deutschland?!

Wie schade, daß der kalte Krieg vorbei ist und Amerika seinen besten Feind verloren hat. Also erfinden wir ihn wieder neu. Die Story zeigt den fundamentalen Unterschied in den Kulturen von Amerika und Europa. Bei den Amerikanern geht es nur um den Sieg, nur um NUMBER ONE. Auch wenn es noch so unglaubwürdig ist, wenn es noch so viel Brutalität, Tote und Effekte kostet, Amerika muß immer siegen. Im Zweifelsfalle, wenn nichts mehr hilft, dann hilft das Beten (auch im Film!). Die unwahrscheinlichsten Zufälle werden wahr, nur damit die Story funktioniert und das Gute siegt. Vor allen Dingen muß dem Guten mit Gewalt zum Sieg verholfen werden. Gewalt in jeder Form, von der Faust über die MP bis zur Cruise Missile ist gut und nützlich, viel effektiver und einfacher als eine intelligente Lösung. Die wird erst gar nicht gesucht.

Solche Werte wie Einsicht, Verständnis, Verhandlung, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Friedfertigkeit, Teamwork, Feingefühl, Verstand, Scharfsinn usw. – das alles kommt in einem solchen Film (und offensichtlich auch in Amerika) nicht vor.

Schade, aber ein solcher Film bestärkt mich in meinem Vorsatz, in diesem Leben nicht in die USA zu fahren. Amerika das ist einfach nicht meine Kultur, da ist mir zuviel absolut fremd. Zuviel Gewalt, zu wenig Verstand. Darauf kann ich verzichten. Schade um die schönen Landschaften.

Jürgen Albrecht, 22. November 1997

 

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