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Die blutige Story der Abrolhos Islands ... Seite 5/5

Ein grosses Foto an der Wand: Das Riff, in dem die Batavia untergegangen ist. Und mit grösstem Erstaunen stelle ich fest, dass sich diese wilde Story dort abgespielt hat, wo ich gestern war - im Riff der Wallabi Islands: Am frühen Morgen der 'Moonlight Night' des 4. Juni 1629 fährt die Batavia auf das Morning Reef auf und sinkt. Ich habe die exakten Koordinaten und SkyMap - damit ist die astronomische Situation sofort zu rekonstruieren: Es war einen Tag vor Vollmond. Der volle Mond stand schon 20° hoch, fast genau im Osten, als die Sonne um 17:35 Uhr unterging und er schien die ganze Nacht. Auch der Jupiter war die ganze Nacht deutlich und hell zu sehen. Der Mond ging um 5:22 Uhr unter. In den zwei oder drei Stunden davor muss es passiert sein: Der Mann im Ausguck meldete eine Brandung voraus, aber der wachhabende Offizier entschied: '...it was only an optical illusion, no more than moonlight reflecting!' Ein paar Minuten später war es passiert und die Sonne, die um 7:10 Uhr aufging, sah das Ausmass des Desasters: Die Batavia war unrettbar verloren. An Bord waren mehr als 250 Männer, Frauen und Kinder (!) und mehrere Kisten mit Silber. Die Menschen und das Silber wollten nach Batavia, eine holländische Festung auf Java. Nur sechs Menschen ertranken, die meisten überlebten. Sie hatten Glück, weil hier die Riffe so flach sind. Sie kämpften sich auf Beacon Island, diese Insel liegt 'nur' 600 bis 800 Meter vom Morning Reef entfernt. Damit hatten sie erst mal ihr Leben gerettet. Aber hier gab es kein Wasser. Man schleppte vom Schiff, was zu retten war, vor allen Dingen das Wasser.

Captain Francisco Pelsaert entschied, mit der geretteten Schaluppe und 47 Leuten nach Batavia zu segeln, um Hilfe zu holen. Nach seiner Abfahrt übernahm Jeronimus Cornelisz nach einem blutigen Aufstand das Kommando über die Schiffbrüchigen und installierte ein religiöses Terrorregime. Bei dieser Meuterei kamen 125 Menschen ums Leben. In den folgenden drei Monaten kämpften die Menschen nicht nur gegen Hunger und Durst, sondern sie waren auch den Drangsalierungen des religiös fanatischen Jeronimus Cornelisz ausgesetzt. Die Gruppe teilte sich und ein Teil dieser Menschen lebte auf West Wallabi Island. Die Reste des Gebäudes, das ich dort gestern vom Flugzeug aus fotografiert habe, stammen von diesem Drama im Jahre 1629.

Francisco Pelsaert schaffte es, Batavia zu erreichen und er kehrte nach drei Monaten mit einem Ersatzschiff zurück. Die Überlebenden waren vor dem Verdursten, es hatte ewig nicht geregnet. Es gelang ihm, Jeronimus Cornelisz und seine Männer zu überwältigen. Cornelisz hatte eigentlich genau das Gegenteil vor, denn er wollte sich mit dem neuen Schiff und dem Silber davon machen. Die meisten der Meuterer wurden sofort zum Tode verurteilt und gehängt.

 

Vorher wurden Cornelisz und sieben der schlimmsten Meuterer noch die Hände abgehackt. So einfach ging das damals und soviel Macht hatte ein Captain.

1963 wurde das Wrack am Morning Reef in nur 6 Meter Tiefe entdeckt. In den 70-er Jahren wurde es so weit wie möglich gehoben. Die wissenschaftliche Auswertung findet in Fremantle statt. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich natürlich in dieses Museum gegangen, in Perth hatte ich viel Zeit. Aber auch hier in Geraldton gibt es interessante Dinge zu sehen: Zum Beispiel die Schiffsglocke, Schiffsteile, persönliche Gegenstände, Navigationsgeräte und Teile des Silberschatzes. Sehr interessant sind die verschiedenen Münzen: Unterschiedliche holländische Dollar und deutsche Thaler aus Lübeck, Hamburg, Saxonia, Nürnberg, Frankfurt und Köln. Das waren im 17. Jahrhundert die reichen Städte in Deutschland, sie besassen das Münzrecht. Ist es Zufall, dass dort auch heute noch das Geld zu Hause ist und dass im Freistaat Sachsen die Wirtschaft floriert? Es ist kein Zufall.

Hier im Museum kann man sich auch ein Video über das Drama der Batavia ansehen. Leute aus Geraldton haben die Story mit einer Replik der Batavia nachgespielt. Neue Informationen enthält das Video nicht. Aber ich weiss jetzt, wie man Hände abhackt: Nicht mit der Axt, sondern mit einem breiten Meissel, da trifft man besser das Gelenk. Wieder etwas gelernt.

Natürlich gibt es zur Geschichte der Batavia auch viel Literatur. Wenn man sich komplett informieren will, dann braucht man sich nur dieses reich illustrierte Buch zu beschaffen. Auf Seite 171 findet man genau das Bild von den alten Fundamenten auf West Wallabi Island, das ich gestern auch fotografiert habe:

The first and last voyage of the BATAVIA
Phillip Godard
Abrolhos Publishing PTY. LTD. (1993)
ISBN 0 646 105 191

Das ist nur eine Schiffswrack Story. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende davon. Wer kann das Leid ermessen, die Tragik und die unvorstellbaren Grausamkeiten, mit denen die 'Christliche Seefahrt' untrennbar verbunden ist. Wie einfach ist dagegen heute das Reisen. Heute reist man aus Vergnügen, einfach nur mal so, weil man nichts besseres vor hat.

Was hätten die Schiffbrüchigen zu meinem gestrigen Trip gesagt, 400 Jahre später und nur just for fun? Was für ein Erlebnis, wenn wir uns gestern dort durch eine physikalische Zeitverwirrung begegnet wären ??!

Jürgen Albrecht, Geraldton, WA, 02. Februar 2000

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