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Über Bangkok nach Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

VON PENANG
NACH BANGKOK

09. März 1996, Bangkok

 

 

Vor einer Stunde habe ich schon mal angefangen zu schreiben - mit einem Buch, das ich in Malaysia gekauft hatte. Es ging nicht: Die Seiten gehen schnell rauszureißen, Zeilen zu eng: Neues Buch gegen 21:45 Uhr hier um die Ecke besorgt. Nicht optimal, aber besser!

Es ist inzwischen 22:49 Uhr und ich sitze im Hotel Marco Polo, Bangkok, Khaosan Road. Eine ziemliche Absteige, Bett 140 cm, Tisch, zwei Stühle, Fan, AC, WC, Dusche, Waschbecken, Fenster über Dächer, 3. Stock, Nr. 301. Unten ein ganz nettes Lokal. Irgend etwas brummt und zischt - aber das für 300 Bath/night = 18 DM, was will man da mehr? Morgen ziehen wir in die Nachbarschaft: D&D INN: 500 B, größer, bessere Ausstattung, TV, auch nur 25 bis 30 DM.

Heute sind wir von Malaysia nach Thailand übergesiedelt. Wir haben uns aus Zeitgründen für einen Flug entschieden. { Ich wäre liebend gerne mit dem Zug oder mit public buss gefahren !! } Auf diese Weise haben wir drei volle Tage in Bangkok zur Verfügung. Jetzt ist die große Frage, was wir mit diesen drei Tagen machen!

Die Fakten des heutigen Tages:

Das sind die Stichworte. Der erste Eindruck von Bangkok: Eine laute, große Stadt mit wilder Traveller-Szene an der Khaosan Road. Sehenswerte Architektur und Tempel unterschiedlicher Kulturen. Wilde Leute laufen hier herum und es ist erstaunlich billig !

In der Gaststätte unten diskutieren ich mit Stefan über die Frage, wofür investiert man seine kurze Lebenszeit? Ich sage ihm: 'Mir hat man oft vorgeworfen, ein Perfektionist zu sein. Ich bin einer, aber Du bist noch ein größerer! Nimm es lockerer, leichter, es ist unmöglich, alle Probleme zu lösen, die man erkennt. Schon sich für alles verantwortlich (schlimmer noch schuldig) zu fühlen, ist zu viel!' Das sagt sich leicht, sich danach zu richten, ist sehr schwer. Erstaunlich ist, daß wir heute beide nach der Prämisse leben: 'Entscheidend ist nicht, was und wie man es macht, die Hauptsache ist, man fühlt sich wohl, ohne gleichzeitig anderen weh zu tun!' Heute abend haben wir festgestellt, zur Zeit fühlen wir uns beide sehr wohl und wir werden uns durch Bangkok nicht streßen lassen. Keine hektische Betriebsamkeit! { Das deutsche Pärchen in Marang, Swiss Hotel Bell Kiss: 'Bangkok, das ist die Hölle!!' }

Bangkok, 090396, 23:28 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EXPRESSBOOT
UND TRAUERFEIER

10. März 1996, Bangkok

 

 

In dieser Nacht habe ich gut geschlafen. Stefan ist öfters wach geworden - auf dem 1,40 m breiten Bett habe ich mich wohl zu dick gemacht. Gegen 8 Uhr stehe ich auf und gehe nach unten in die Gaststätte: Frühstück. Die Fernsehgeräte sind an, viele Thai's in Schwarz, die Beisetzungsfeierlichkeiten werden life übertragen. Gegen 9 Uhr gehen wir beide spazieren, Erkundung der Umgebung. Ganz einfach, wir gehen die Tanao-Street immer gerade aus in Richtung Süden. Es ist warm, in der Sonne heiß, mehr als 30 Grad. Links die erste Tempelanlage, in die wir hineingehen. Wat Mahang Sharam. Große Gebäude, charakteristisch Dächer, Dachschmuck (Vögel?), Giebel, Holz und Gold. In einem der Tempel ein riesiger Buddha. Schuhe aus, ich trete ein. Kühl, ein angenehmer Luftzug, alle Fenster offen, hell. Ein Mönch auf einem Stuhl, auf einer Matte sitzend, ein Pärchen. Räucherstäbchen, Lampen unter der hohen Decke (nicht an). Jeder kann sich hier her setzen und sich ausruhen. Es ist hier auch Ruhe. Stefan ist nicht mitgekommen. Ich würde mich gerne eine Viertelstunde hier hinsetzen. Ich gehe wieder raus zu Stefan. Ein weiträumiges Gelände, viele Hunde, auch Nackthunde mit grünen Marken am Halsband - was ist das? Wir sehen uns die einzelnen Gebäude an. Der linke, große Tempel wird gerade restauriert, Baugerüste. Wir verlassen die Tempelanlage und gehen weiter durch ein enges Chinesenviertel und zurück über den Platz mit dem 'Democracy Monument' - Thailand ist, wie man gerade beobachten kann, eine Monarchie. Allerdings liegt die Macht wohl beim Militär, das auch die Regierung dominiert.

Gegen 11 Uhr Check-Out im Hotel Marco Polo. Zum D&D: Kein Zimmer frei! Wir warten bis 12 Uhr: Kein Zimmer. Gestern schon hatten wir uns ein Zimmer angesehen (alle Zimmer ohne Fenster: Klima!), heute wollten wir einziehen. Schade ! Wir kramen den 'Loose' raus: Die Hotelsuche beginnt von vorn, aber kein Problem, in jedem zweiten Haus ist ein 'Hotel' - Qualität und Preis ist die Frage. Wir sehen uns Hotel Viegtai an: Schönes Zimmer für 1400 B, mit Rabatt 1200 B (75 DM) - zu teuer und zu gut für Rucksack-Touristen. Zurück zur Khaosan Street. Hier tobt das Leben, hier wollen wir wohnen! Es klappt im Siam Oriental Hotel, 500 B. incl. Frühstück: Zwei Betten, AC, Dusche (warm), WC, Fan, Fenster, Nr. 414. Direkt in der Khaosan Road, mit großem Restaurant. Dort sitzen wir jetzt. Jetzt ist 22:54 Uhr. Mindestens 100 Sitzplätze, 50 % belegt. Mindestens 6 TV-Geräte, alle an, es läuft ein Film von Videokassette, nicht das offizielle (Beerdigungs-) Programm. Filme, die ich mir zu Hause nie ansehe, Volume bis zum Stehkragen aufgedreht, Bose Lautsprecher aus Germany. In Bangkok kann es nie genug Krach sein! Es scheint manchmal so, als ob die Thai's süchtig nach Krach und Lärm sind: Riesige Motoren auf den Booten ohne Verkleidung und Auspuff, drei Leute schreien in je ein Megaphon an einer Bootsanlegestelle, laute Mopeds und Motorräder und TukTuk - mit dem höchsten Gang und höchster Drehzahl über die Brücke in der Nähe (Motorrad in der Nacht, ca. 140 km/h!!).

Nachdem wir hier eingezogen waren, gingen wir zum Fluß, wir wollten das Schnellboot-System ausprobieren. Die Anlegestelle an der Phra-Pin-Klao Bridge ist voller Menschen: Trauergäste. Megaphone am Kai, schrille Pfeifen der Boys auf den Booten. Wir besteigen das erste Boot, es fährt in Richtung Norden, flußaufwärts. Interessante Fahrt von 13 bis 14 Uhr. Unbeschreiblicher Krach des 8-Zylinder-Motors. Es ist nur vorn auszuhalten und dort auch noch so laut, daß man sich nur mühsam verständigen kann. Heiß, Fahrtwind, keine Fenster, Durchzug auf dem Boot. Slums auf Stelzen, Hochhäuser, Brücken, Tempel, Boote, Schlepper mit Lastkähnen, beladen bis über den Eichstrich, schmutziges Wasser. Wir fahren bis ca. Tha Phibun 1. Es kostet 12 B/Person. Aussteigen. Warten in flirrender Hitze, Überdachung, hell, daß die Augen schmerzen. Das Gegenboot kommt, Rückfahrt, volles Boot, Trauergäste. Die Frau neben mir berührt mich ganz leicht, bis ich es merke - ihr Sohn (6) auf dem Schoß. Sie will wissen: Wie alt? Vater und Sohn? Zeichensprache. An der Seafood-gaststätte von gestern steigen wir aus. Es ist 15 Uhr und wir haben Hunger. Ein großer Fisch mit Currysoße auf einem Ofen: Das rohe Gemüse wird in der Soße auf dem Tisch gegart. Mir schmeckt es, Stefan sagt: 'Nie wieder Thai-Food!' Ihm schmeckt die Richtung nicht und alles ist viel zu scharf (manchmal). Um 16 Uhr sind wir satt. Die nächste Bootsfahrt ist angesagt, diesmal in Richtung Süden. Wir warten 30 Minuten, die gestorbene Dame bringt hier alles durcheinander. Dann kommt ein Boot, wir sitzen vorn. Stefan: 'Der fährt wie Schwein!' { Der Fahrer hantiert nur mit Steuerrad, Vor- und Rückwärtsgang und Vollgas, nur im Ausnahmefall: Leerlauf } Wir kacheln den Fluß runter. Hochhäuser, Pagoden, Tempel, eine Christliche Kirche (Ausnahme!), viele Boote unterwegs. Die Sonne steht schon tief: Gute Beleuchtung. Fotos. Das Boot fährt nicht bis zur Endstelle. Tha Sathorn: Alles raus! Drei Leute mit Megaphonen ordnen den Verkehr von 30 Passagieren! Irre. Wir warten, nehmen die Gegenrichtung und wollen in Chinatown aussteigen. Da hält das Boot aber nicht. Erst an der Phra-Pok-Klao Bridge können wir raus. Endlich Ruhe! Eine goldene Tempelanlage in der Abendsonne: Wat Ratch Burana. Sehr reich dekorierte Gebäude, Schnitzereien, Gold. Leider sind die Tempel schon geschlossen. Fotos von außen. Dann zu Fuß die Thanon Tri Peth gerade aus. Es ist warm, es ist heiß. Der ganze Körper schweißnaß, die Hand klebt. Visionen vom Stehen unter der Dusche! In einem kleinen Chinesenladen Coca Cola. 'I love German!' sagt er, führt uns in die hinteren Räume, wo er uns stolz sein 20 Jahre altes BMW-Motorrad zeigt! Gegen 18:30 Uhr sind wir zu Hause. Rasieren, Duschen. Eine Stunde Ruhe.

Am Abend Erkundigungen nach Theater, Touren, Bus zum Flughafen. Film zum Entwickeln weggebracht (Kamera i.o.?). 100 US$ umgetauscht - es funktioniert hervorragend mit Travellerschecks von AMEX. Läden in der Khaosan Road angesehen. Viel Textilien, wenig Holz und gute Sachen. Spaziergang zur Ratchadamnoon: Breite Riesenstraße seit heute morgen gesperrt: Beerdigung. Mönchsgebete aus Lautsprechern, monotone Flötentöne, schrill, einförmig. Viel Militär, viele einfache Leute, schwarz oder weiß gekleidet. Devotionalien werden verkauft. Mönche kochen in riesigen Töpfen auf der Straße: Essen und Trinken, Riechfläschchen: Alles frei! Alle gucken auf die 80 Meter breite Straße, aber es passiert nichts. Live aus dem Fernsehen: Mönche beten.

Wir gehen zurück zur Khaosan: Vor dem Spaziergang haben wir Bier in einer dunklen Bar mit Sitzkissen auf erhöhtem Podest und neunjährigem Kellner getrunken. Mädchen gibt es hier auch. Jetzt trinken wir Tee, essen Reis und Suppe in unserem Hotelrestaurant. Unerträglicher Krach aus den TV-Geräten. Salutschüsse von draußen, Mönchsgebete. Wir gehen ins Bett. Stefan hat sich schon das Kopfkissen um die Ohren gewickelt. Ich gehe Duschen.

Bangkok, Siam Oriental Hotel, 110396, 0.04 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

HANDELN,
FEILSCHEN, KAUFEN

11. März 1996, Bangkok

 

 

Es ist 17:30 Uhr, ich sitze auf dem Bett in Hotel. Es ist kalt. Die Klimaanlage läuft seit ca. 1 ½ Stunden und ich habe nur ein Hemd und eine Unterhose an.

Hier die Fakten des bisherigen Tages:

 

 

 

 

Was mache ich mit diesem Abend? Stefan geht zum Thai-Boxen, dazu habe ich keine Lust.

Bangkok, Hotelbett, 110396, 17:57 Uhr

 

Ein Bild vom überlagerten Film: Stefan auf der leeren Khaosan Road - leer wegen Beerdigung der Mutter des Königs. Kurz vor dieser Aufnahme, hätte ich mir gestern fast beide Beine gebrochen! Ich stieg auf einen Verkaufswagen, aus Stahlprofilen zusammengeschweißt. Zu spät merkte ich, daß es ein zweirädriger Karren mit einem Stützrad (auf der anderen Seite) war. Ich suchte einen erhöhten Kamerastandort, trat auf den Karren, der kippte um und ich steckte mit den Beinen im Metallgestänge! Es wurden Gott sei Dank nur Abschürfungen und ein herrlich blauer Bluterguß, linker Oberschenkel, hinten. Gerade hat Stefan davon ein Foto gemacht ... von diesem schönen, großen, blauen Fleck!

Bangkok, Hotel Oriental, 110396, 23:31 Uhr

 

Noch einmal Fakten vom 11.03.96, Bangkok:

**) Es ist sicher, daß ich nicht die 'normale' Patpon Road gesehen habe. Der Tod der alten Dame hat wahrscheinlich diese Straße in eine trostlose Souvenir'meile' von 200 Metern Länge, ohne Mädchen, verwandelt - temporär! Entsetzlich, die ganze Bangkok-Reise war umsonst! Aber auch wenn hier normalerweise wirklich was los ist - warum fahren Sextouristen hier her, überall in Europa gibt es größere Rotlichtviertel ?! Vielleicht ist es hier am billigsten!

Siam Oriental, 120396, 0:21 Uhr ... auf der neuen BREITLING, made in China.

 

 

 

Jürgen Albrecht
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