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Safari im Kakadu Nationalpark

 

 

 

 

 

 

 

BADEN UNTER
DEM TWIN FALLS

05. Oktober 1998, Montag

 

Meine Notizen im Reisetagebuch für heute:

051098, Twin Falls

Gute Nacht! Die Bedingungen haben sich noch einmal verschärft: Gegen 2 Uhr fing es an zu regnen! Gott sei Dank kein tropischer Platzregen, sondern nur ein leichter Schauer. Aber sofort regnet es durch unseren Gazehimmel ins Zelt und wir mussten raus: Wo ist das Überzelt ?! Es war da und auch schnell montiert, aber sofort war auch alles wieder dreckig, als wir wieder im Zelt sassen: Die Beine sind nass und dreckig! Das hasse ich bis in den Tod! Die Luft im Zelt ist zum Ersticken, heiss und schwül. Ich gehe nach kurzem Überlegen raus und zur Dusche: Rasieren gegen 2:30 im Dunklen.

 

 

Aber heute wurde ich doch sehr mit dieser Chaos-Tour versöhnt: Wir gingen Baden am Twin Falls. Von 14 bis 16:30 Uhr lagen wir alle in schönem, klaren Wasser, direkt unter dem Wasserfall. Eine ganz herrliche Gegend: Bunter Sandstein, ca. 300 Meter steil und hoch, stark zerklüftet, rot und braun, wenig bewachsen. Jetzt ist der Twin Falls nur eine vom Wasser berieselte, 200 Meter hohe Wand. In der Wet Season muss das ein gewaltiges Schauspiel sein. Jetzt kommen vielleicht 5 Kubikmeter pro Sekunde von oben runter. In der Regenzeit ist es mindestens das Hundertfache. Der Wasserstand in dieser engen Schlucht ist dann 3 bis 5 Meter höher, alle Pisten und Tracks sind unbefahrbar. Besichtigung nur vom Flugzeug aus.

Wir schwimmen mit einem Plastikkasten, der unsere Kameras transportiert, in zwei Etappen jeweils 250 Meter auf den Fall zu. Tiefes Wasser, aber auch glitschige, grosse Steine. Das Wasser ist mindestens 30° warm. Dann taucht hinten in der Schlucht eine Beach mit hellem Sandstrand und Palmen (!!) auf. Das gibt es tatsächlich hier: Einen herrlichen Strand! Ich wandere gleich über die grossen Steine (glühend heiss!) weiter in Richtung Wasserfall.

 

 

Bald merke ich, das war erst der halbe Weg unserer Tour. Es geht noch einmal ca. 300 Meter im Wasser weiter, bis man direkt unter dem Twin Falls ankommt. Dort, direkt neben der Wasserwand, existiert ein noch grösserer Sandstrand, davor klares, tiefes Wasser mit kleinen Fischen. Vor Krokodilen wird auf grossen Tafeln am Eingang der Schlucht dringend gewarnt, aber dass es hier Krokodile geben soll, das wird einfach ignoriert. Es ist viel Betrieb hier: Der Trick mit der Kunststoffkiste ist offenbar alt. Viele Touristengruppen sind auf diese Weise hier unterwegs. An diesem Nachmittag sind es bestimmt 50 Leute. Aber das ist in dem weiträumigen Gelände auszuhalten.

 

 

Zum Twin Falls kommt man nur mit 4WD Car. Wir fahren auf dem Highway von Jabiru in Richtung Pine Creek. Vor Cooinda zweigt links ein Track ab. Die ersten 50 Kilometer sind ganz gut auszuhalten. Aber die letzten 10 Kilometer sind die schlimmste Strecke, die wir bisher gefahren sind: Tiefe Sandpassagen, Wasserlöcher, Waschbretter und sehr viele enge Kurven.

 

 

Wir fahren durch schwarz verbrannten Bush, ein schmales Tal aber rund herum imposante, hohe Sandsteinfelsen. Eine beeindruckende, wüstenähnliche Landschaft, die erst in der Regenzeit wieder zum Leben erwacht. Nach diesen letzten 10 Kilometern erreichen wir einen Campingplatz mit Minimalausstattung: Je ein Trocken-klosett für Frauen und Männer. Das ist alles. Hier gibt es kein Wasser, keine Dusche, nur einen Crocodile-River, den Jim Jim Creek: Kein Trink- aber Brauchwasser. Trinkwasser muss man im Tanks dabei haben. Wir haben heute morgen im Mardugal Camp Ground unsere Trinkwassertanks (60 Liter) aufgefüllt: Über dem Wasserhahn ein grosses Schild: Kein Trinkwasser, unbedingt abkochen! Aber Yvonne meint, das ist nicht so ernst zu nehmen. Das Wasser stammt aus einem grossen Hochbehälter, es wird vom Grundwasser hoch gepumpt. Bisher ist noch keiner krank geworden, also hatte das Bushgirl wieder recht, alles halb so schlimm!

 

Das heutige Programm:

6:00 Aufstehen, Frühstück, Einpacken

8:15 Wir fahren zu Yellow Water, das ist nicht weit. Wetlands, Vögel, Pferde, Wasserbüffel, Gänse, Spinnen, Frösche, Schildkröten (nicht gesehen)

9:00 Im Warradjan Aboriginal Cultural Centre. Noch im Bau. Sehr interessant !
>> We always look after !
>> Most important in the Aboriginal way of life is culture !
>> Noch nie bisher in Australien einen Aboriginal als Tourist gesehen !

12:30 Ankunft Jim Jim Bush Camping Area, Zelte (nass) aufbauen, Abfahrt zum Baden

18:00 Zurück am Campingplatz

 

Splitter:

Jetzt gibt es hier von 18 Uhr an, seit wir vom Schwimmen zurück gekommen sind, endlich mal eine Pause. Alle sitzen am Tisch und reden völlig belangloses Zeug. Ich sitze abseits auf einem dicken Baumstamm und schreibe so schnell ich kann, damit ich fertig bin, wenn es dunkel wird. In 10 Minuten wird es so weit sein. Mal sehen, ob heute der Jupiter unter dem Mond ist! Oder ist er darüber, aber weiter weg ? (gestern 3 Monddurchmesser darüber)

Ein weiteres Problem so einer Tour: Man hat keine Ruhe, ist immer in die Gruppe eingebunden. Alleine kommt man deutlich mehr zum Überlegen.

Heute aber war schon der dritte Tag, übermorgen ist schon alles wieder vorbei! Und es war ein wirklich tolles Erlebnis, eine hoch interessante, neue Erfahrung: Ich möchte die Bushcamping-Erfahrung nicht missen, aber ich werde SO Bushcamping nicht wieder machen! Überall, wo geführte Touren angeboten werden, kommt man (mit 4WD) auch alleine hin. Es ist nur eine Frage, ob man es alleine machen will.

18:50 Uhr, Jim Jim Bush Camping Area

Kurzer Kommentar am 28.02.1999 zu diesem Tag:

Beeindruckend war der Besuch im Warradjan Aboriginal Cultural Centre. Es befindet sich im Yellow Water Area und ist noch im Bau. Dieses Centre wird von Aborigines betrieben, die Ausstellung wurde von Aborigines konzipiert und aufgebaut. Hier in der Ausstellung ist ganz deutlich dokumentiert, welche Verbrechen die Kolonisatoren an den Eingeborenen Australiens begangen haben. Zeitzeugen sprechen von ihren Erlebnissen: Wie sie von ihren Familien getrennt wurden, wie sie in Missionsschulen indoktriniert und als Arbeitssklaven ausgebeutet wurden, welche entsetzliche Rolle dabei wieder die Kirche gespielt hat. In dieser Ausstellung lernt man auch zu begreifen, warum sich die Aborigines nicht assimilieren können. Die Ursache liegt in der Unverträglichkeit zweier qualitativ unterschiedlicher Kulturen. Während sich die weisse Kultur seit der Steinzeit offensichtlich um Zinswirtschaft, Mehrwert und Geld dreht, haben die Aborigines völlig andere Werte. Diese Aussagen (von betroffenen Aborigines in der Ausstellung) zeugen davon: ‚We always look after.’ ‘Most important in the Aboriginal way of life is culture.’ und ‚Ich bin die Summe meiner Vergangenheit.‘ Kein Weisser würde mit solchen Sätzen seine Lebenseinstellung beschreiben. Für mich ist das fast ein Schlüsselerlebnis. Zum ersten Mal wird mir hier bewusst, dass die Basis dieser beiden Kulturen wirklich qualitativ unterschiedlich ist. Bisher war ich der Meinung, das Streben nach Mehrwert und Geld ist die Grundlage aller bisherigen, gegenwärtigen und zukünftigen menschlichen Kulturen. Aber das ist nicht so. Mindestens bei den Aborigines spielten bis vor 200 Jahren Mehrwert und Geld absolut keine Rolle, es ging um sozialen Frieden und um das Überleben im Einklang mit der Natur. Das hat diese Menschen völlig anders geprägt, sie können (und wollen) sich von dieser Prägung nicht lösen. Dieser Konflikt ist so fundamental, dass er zur Auslöschung der Kultur der Aborigines führt. Das Volk der Aborigines hat die weisse Kolonialisierung überlebt, aber es hat mit dem Land seine Kultur und damit unwiederbringlich seine Identität verloren. Es gibt keine Aborigines mehr, es gibt nur noch mehr oder weniger angepasste, australische Ureinwohner.

 

 

Interessant war am Rande noch, dass hier auch eine schöne Darstellung des Aboriginal-Kalenders zu sehen ist, der das Jahr in sechs unterschiedlich lange Jahreszeiten einteilt.

Dieser dritte Tag brachte bei mir die Wende in der Einstellung zu dieser Bushsafari. Das hing mit zwei Aspekten zusammen. Erstens war gestern und auch heute die Landschaft wirklich eine Landschaft und nicht nur Bush. Zweitens kam das Baden im Twin Falls meinen hygienischen Bedürfnissen doch sehr entgegen. Wir wurden dann zwar im Lager am Abend wieder dreckig und die Zelte waren immer noch die gleichen. Aber das Schwimmen in dieser wildromantischen Schlucht war Balsam für die Psyche. Den anderen ging es ähnlich.

An diesem Abend gab es heftige Diskussionen darum, ob wir es alle auf den Top des Jim Jim Falls schaffen würden, oder ob wir nur in den unteren Pool gehen sollten. Keiner hat eine richtige Karte und keiner weiss, was uns da am nächsten Tag erwartete. Die beiden schweizer und auch die dänischen Mädchen haben grosse Bedenken. Ich sehe da eigentlich kein Problem: Ich versuche es, lasse mich überraschen und wenn es zu anstrengend ist, gehe ich eben einfach zurück. Wo ist das Problem? Yvonne jedenfalls meint, wir sollten diesen Trip unbedingt machen und wir würden es auch alle schaffen.

 

 

An diesem Abend, gab es ein tolles Essen: Fleischklösschen am offenen Feuer (von mir) in der Pfanne gebraten, Gemüse und Reis. Am offenen Feuer zu kochen ist noch einmal eine klimatische Verschärfung: Es ist sowieso schon mehr als 30 Grad warm und dann steht man noch vor dem strahlenden Feuer und rührt in der Pfanne! Das erste Mal wurde heute von Yvonne das australische Bushbrot in einem Topf in heisser Asche gebacken. Dieses Brot ist eine hervorragende, sehr wohlschmeckende Spezialität, besonders dann, wenn es noch warm ist. Aber es schmeckt auch kalt.

In kleinen Grüppchen wurde diskutiert. Die Stimmung hatte sich allgemein nach diesem schönen Tag gehoben, Wein aus Plastebeuteln mit Schnellverschluss und Bier machten die Runde. Ich höre, während ich mich mit Christoph über das Ingenieurstudium und die Position des Jupiters über dem Mond unterhalte, wie Uwe den Dänen das deutsche Ost-West-Problem erklärt. Der Grundtenor seiner Darstellung, die er als absolute Wahrheit verkauft: Die Deutschen im Osten sind auch heute noch überzeugte Kommunisten, sie sind schlecht qualifiziert, haben keine Ahnung von der Wirtschaft und wissen nicht, was richtige Arbeit bedeutet. Kein Wunder, dass alles zusammengefallen ist, als sie sich nach 1989 endlich mal ohne die Russen und ohne die Einheitspartei selber um ihren Lebensunterhalt kümmern sollten.

Die Dänen hören mit offenem Mund zu. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sie so wenig von ihrem Nachbarn Deutschland wissen, um das zu glauben. Aber ich kann mich nicht länger zurückhalten. Ich mische mich in das Gespräch ein und sage, dass Uwe eine mögliche Position dargestellt hat, man kann das aber auch ganz anders sehen: Die Deutschen im Osten hatten mal die Illusion, dass die Bundesrepublik aus ihren Erfahrungen mit 40 Jahren DDR etwas lernen würde. Inzwischen haben sie überhaupt keine Illusionen mehr. Sie sind besser naturwissenschaftlich qualifiziert als die Westdeutschen, weil ihr Bildungssystem mal besser war und sie haben mehr gearbeitet und viel mehr improvisiert als die Bundesdeutschen, weil sie 40 Jahre in einem armen Land zubringen mussten. Nach 1989 haben die Westdeutschen Ostdeutschland unter sich aufgeteilt und die Wirtschaft platt gemacht. Sie wurde nicht mehr gebraucht, es waren genug Überkapazitäten in Westdeutschland da.

Uwe hört sich das mit versteinertem Gesicht an und will mir immer ins Wort fallen, er ist nur mit Mühe zu bremsen. Zum Schluss sage ich: Das sind zwei Positionen, beide sind falsch, beide erklären das Problem zu einfach. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und im Detail. Jetzt beginnt eine stürmische Diskussion, in der wieder Uwe das grosse Wort führt. Ich habe mich jetzt eindeutig als Ossi geoutet und sage nicht mehr viel. Das ist auch nicht nötig, denn die Glaubwürdigkeit von Uwe ist stark angeschlagen als ich ihn frage, welche ‚Osterfahrung‘ er denn hat: Er kennt die Mauer von Westberlin aus und ist auch kurz nach dem Mauerfall wieder mal in Berlin gewesen. Ansonsten lebt er in Baden-Würtemberg und ist hervorragend durch Presse und Fernsehen informiert.

 

 

 

 

 

 

 

BEI 40° AM TOP
DES JIM JIM FALLS

06. Oktober 1998, Dienstag

 

Dass heute der 06. Oktober ist, weiss ich nur von meiner Uhr (die ist übrigens für diese Tour perfekt: SEIKO Automatik, Datum, wasserdicht, 90 DM). Ich weiss nicht, ob es Montag oder Dienstag ist (zu dunkel, ich kann es nicht erkennen), aber es muss wohl Dienstag sein. Nach Arbeitsberatung (immer Dienstag) ist mir überhaupt nicht, keine Gedanken den ganzen Tag an Halle oder Berlin. Nur an Conny und Stefan habe ich mehrfach gedacht: Ich hoffe, Ihr werdet mal diese Tour machen, die ich jetzt gegen 19:30 Uhr eine halbe Stunde hinter mir habe! Rechts strahlt das Feuer schon wieder fürchterlich, obwohl ich 15 Meter davon weg sitze. Ein paar Meter vor mir ein Tisch wie in Norwegen: Steinplatte, davor zwei Bänke aus Beton, alles aus einem Stück, ohne Lehne, unbequem. An diesem Tisch sitzen Leute und schwatzen entspannt, Bier, Cola. Ganz rechts steht der Trailer, da wird das Abendbrot gemacht. Heute halte ich mich da mal konsequent heraus – ich habe gestern fast den Chefkoch gespielt, das reicht auch noch für heute. Die jungen Leute gewöhnen sich rasend schnell daran, wenn jemand für sie arbeitet. Schon allein deshalb muss ich heute demonstrieren, dass ich nur ein Koch unter vielen bin. Jetzt ist es dunkel und es wird mindestens eine Stunde dauern, bis das Dinner fertig ist. Das ist die einzige Zeit wo es möglich ist, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn man nicht selber in die Vorbereitungen verwickelt ist (was normalerweise der Fall ist).

 

 

Die heutige Tour war die beste aller Touren und sie hat uns für alles entschädigt, was uns bisher auf die Nerven gegangen ist. Auf diesem Trip gibt es eindeutig von Tag zu Tag eine Steigerung. Das ist psychologisch sehr geschickt von Yvonne gemacht. Aber morgen kann es keine Steigerung mehr geben, heute war der Höhepunkt. Nach so einem Erlebnis und am 4. Tag der Safari hat man sich an den Dreck, an den Schweiss und an das Organisationschaos gewöhnt und kann wirklich die Landschaft und die Umstände geniessen, in die man auf so einer Tour hineingeworfen wird.

Um 6 Uhr standen wir alle auf, Frühstück machen, auf das Rasieren wird schon das zweite Mal verzichtet. Gegen 8 Uhr starten wir mit dem 4WD Car ohne Anhänger. Wir fahren ca. 3 Kilometer einen Track bis zu einem Parkplatz am Fusse hoher Felsen. Dort wird der Wagen abgestellt und wir starten zu unserem Trip on the Top of the Jim Jim Falls (Jim Jim heisst die gedrehte Stachelpalme). Wir wollen auf das Felsplateau hinauf. Das ganze Wasser, was sich dort oben in der Regenzeit sammelt, stürzt über den Jim Jim Falls 200 Meter in die Tiefe. Jetzt ist es da oben trocken. Es gibt jetzt keinen Wasserfall aber es gibt unten und oben einen Pool, die Restlöcher des Jim Jim Falls. Dort wollen wir hin, in diesen Pools wollen wir baden ...!

Der Aufstieg ist wie immer hart für einen alten Mann. Aller Anfang ist schwer und ich erinnere mich an den Sibayak und an Norwegen: Hoher Wald mit Unterholz, Steine, Wurzeln, steil, kaum ein Weg. Es ist trocken und es gibt keine Blutegel, keine Moskitos, aber ziemlich viele lästige Fliegen. Es geht sehr steil nach oben und da habe ich mein Konditionsproblem: Zu wenig Leistung im Vergleich zu den jungen Hüpfern. Yvonne will, dass alle zusammen bleiben, ihr Ideal ist eine disziplinierte Reihe mit 1,5 Meter Abstand. Sie ist sehr misstrauisch, ob ich das mit meinen Supersandalen schaffen werde. Sie glaubt mir nicht, dass mein einziges Problem die fehlende Leistung bergauf ist. Als wieder mal alle auf mich warten und fragen, ob ich ein Problem habe sage ich: ‚My only problem is the power. Think on me, if you are sixty-three!‘ Aber es geht alles ganz gut, denn es sind höchstens 300 Höhenmeter bis nach oben zu überwinden. Irgendwann ist das geschafft.

 

 

Der Schweiss fliesst in Strömen. Jeder hat ca. 2,5 Liter Wasser in einer grossen und einer kleinen Flasche mit. Trinken ist bei Temperaturen um 30° schon am Morgen das wichtigste. Nach 1 ½ Stunden sind wir oben und dann geht es noch eine gute Stunde auf dem felsigen Plateau entlang. Eine wüstenähnliche Landschaft: Erodierte Felsen, trockene, in den nackten Felsen gefräste Flussläufe voller grosser Steine, alles schwarz, wahrscheinlich eingetrocknete Algen. Spärlicher Bewuchs und nur sehr wenige, kleine Bäume. Erst in der Wet Season erwacht hier alles wieder zum Leben. Gerne würde ich hier öfters stehen bleiben, um in Ruhe zu fotografieren, aber ich muss in der Reihe bleiben und es geht in scharfem Schritt durch diese phantastische Landschaft. In der Nähe des Jim Jim Tops muss ein Abstieg durch Felskamine bewältigt werden. Hier habe ich überhaupt kein Problem, aber ich habe Angst um die Mädchen, weil das hier wohl die gefährlichste Stelle dieser Tour ist. Aber es geht alles gut.

 

 

Gegen 10:45 Uhr sind wir am Ziel unserer Wanderung: Wir stehen oben an der Felskante, über die der Jim Jim Falls mehr als 200 Meter nach unten stürzt. Jetzt ist der Fels trocken und glühend heiss, aber 20 Meter hinter dieser Kante ist ein grosser Pool zwischen steilen, glatten Felswänden übrig geblieben: Ein herrlicher Süsswasserteich, der Rest des Wasserfalls. Das Wasser ist warm und ziemlich klar, es gibt auch hier ein paar kleine Fische. Wo kommen die hier oben her ?!

 

 

Grosse, glatte Felsquader, hohe, senkrechte Felswände, eine cyclopische Landschaft. Jetzt haben wir mehr als drei Stunden hier oben Zeit: Erholung, Baden, die phantastische Aussicht in die Landschaft geniessen. Ich wasche mein schweissgetränktes Khaki-Hemd. Es war schon nach dem ersten Tag dreckig und natürlich wird es hier auch nicht sauber. Aber man hat das gute Gefühl, ein frisch gewaschenes Hemd anzuziehen. Das dicke Leinenhemd ist nach einer knappen Stunde auf den heissen Steinen schon wieder trocken.

Es gibt ein Mini-Lunch, jeder hat in seinem Rucksack etwas dafür bis hier her transportiert. Ansonsten kann man hier jetzt wirklich mal die Seele baumeln und baden lassen, man muss nur der Sonne aus dem Wege gehen, die senkrecht über uns steht. Wir liegen auf den glatt polierten Steinblöcken der Kante des Jim Jim Falls und gucken in die schwindelerregende Tiefe. Dort unten liegt der blaue Pool, in den das Wasser von hier oben runterstürzt. Ein Fluss schlängelt sich durch die weite Landschaft, jetzt fast ohne Wasser. So ein herrlicher Blick! Hier oben sind riesige Steinblöcke wie Bauklötze hingeworfen und vom Wasser blank poliert. Die Steine in der Sonne sind glühend heiss.

 

 

Ganz deutlich sieht man Spuren fossiler Meeresoberflächen. Was für eine unendliche Vergangenheit diese Sandsteine hier haben! Was für Kräfte das Wasser entwickelt! Was für eine Gewalt, wenn dieser Quader da auf der linken Seite, (20x10x8 Meter) vom Wasser über die Kante geschoben wird! Es wird passieren, es ist nur die Frage wann!

Gegen 14:30 Uhr brechen wir wieder auf. Früher als beabsichtigt, denn Yvonne will mit uns auch noch in den unteren Jim Jim Pool, nachdem sie gesehen hat, wie gut unsere Kondition ist. Zurück durch die Wüste in der Mittagshitze.

 

 

Ich lege mein Digitalthermometer auf die Steine und in die Sonne: 50° und es steigt immer noch! Wir laufen den Weg oben auf dem Plateau wieder genau so zurück. Erst 10 Minuten vor dem Parkplatz, auf dem unser Auto steht, biegen wir nach rechts ab. Nach einer weiteren halben Stunde auf einem steinigen und sandigen Weg am Flussrand entlang, sind wir an dem Pool, in den wir von oben hinein geguckt haben. Schon von oben haben wir gesehen, dass es hier unten auch eine kleine Beach mit Sandstrand und einige Leute gibt, die hier baden.

 

 

Es ist 17:30 Uhr und die Sonne fängt an, lange Schatten zu werfen. Wir ziehen uns aus und steigen für eine halbe Stunde in das kühle (mindestens 30° warme ...!) Wasser dieses Pools. Das ist ein unbeschreiblicher Genuss nach so einer Glühofen-Tour !! Ich versuche, möglichst waagerecht und völlig ruhig auf dem Rücken in diesem Pool zu liegen. Meine Supersandalen liefern den Auftrieb dafür. Was für ein Anblick!

 

 

Die steilen, engen Felswände, blauer Himmel und weisse Wolken in dem Felsloch da oben, ein Teil der Felswand ist von der untergehenden Sonne rot beschienen, dunkel die Wand, die die Sonne nicht mehr erreicht. Oben, rechts der Felsquader, der in absehbarer Zeit hier in den Pool stürzen wird. Das ist wieder ein Bild, in das ich mich bis zum Ende meiner Tage jederzeit zurück versetzen kann.

Für mich ist es wirklich erstaunlich, dass man einen solchen Trip bei 40 Grad im Schatten ohne irgendein Problem übersteht, wenn man einigermassen gesund ist. Man muss nur akzeptieren, dass es nicht mehr so schnell geht, wie es vor 50 Jahren gegangen ist und dass der Schweiss in Strömen fliesst. Wir machten auf dem Rückweg oben auf dem Plateau eine Pause. Ich sitze an einen Baum gelehnt und beobachtete fasziniert, wie mir am Rücken, am Bauch und an den Armen der Schweiss aus jeder Pore läuft. Mein Herz hämmerte nicht etwa wie verrückt. Mein Puls geht ganz normal. Mein Körper hat diese Situation völlig akzeptiert und als Konsequenz das Kühlsystem auf Vollast geschaltet! Sauna in einer anderen Variante. Wir essen Apfelsinen und den Rest unserer Vorräte. Die Apfelsinenschalen wollte ich ins Gebüsch werfen: Yvonne ist strikt dagegen und erklärte mir das Prinzip des Nationalparks: Jeder Müll, auch organischer (!!) muss wieder mitgenommen werden. Die Fauna und Flora des Nationalparks soll in keiner Weise beeinflusst werden. O.k. das ist einleuchtend, aber man muss es wissen.

Um 18:15 Uhr wird zum Aufbruch geblasen. Die Sonne ist gerade dabei, unter dem Horizont zu versinken, als wir über die riesigen Felsbrocken steigen, die hier am Ausgang des unteren Pools von einem Riesen wie Würfelzucker hingeworfen worden sind. Um 19 Uhr sind wir mit unserem Auto wieder ‚zu Hause‘. Heute übernachten wir auf dem gleichen Camping Platz wie gestern.

Zuerst ist Entspannung angesagt. Eine von den beiden Wischi Waschi geht sofort ins Bett: Totaler Stromausfall. Aber das ist zu akzeptieren, Hauptsache, sie hat es bis hierher wieder geschafft. Während ich hier schreibe, haben sich die anderen auch ohne mich an die Vorbereitungen für das Dinner gemacht. Das Dinner ist am werden und das auch ohne mich, aber es ist noch nicht fertig. Schnell noch ein paar
Splitter
und dann mache ich auch noch ein bisschen mit:

 

20:08 Uhr, Jim Jim Bush Camping Area

Nach dem Dinner sitzen wir, (buchstäblich) zusammengeschweisst durch die Erlebnisse des heutigen Tages, noch bei Kerzenschein um den Tisch. Wein, Bier, Cracker, die Stimmung ist sehr gelöst. Aber wenn Uwe Wein nachschenkt, übersieht er ganz konsequent meinen Becher. Na, macht nichts, ich bediene mich demonstrativ selber. Ich unterhalte mich das erste Mal angeregt und lange mit Yvonne. Es geht um den gestrigen Besuch im Warradjan Aboriginal Cultural Centre, über die unterschiedlichen Lebensauffassungen und über Kunst und Design, denn es stellt sich heraus, dass Yvonne eigentlich Malerin ist. Damit war nicht viel zu verdienen, also spielt sie seit einigen Jahren Guide und hat sehr viel Spass daran. Da haben wir natürlich viel Gesprächsstoff.

Als sich die Veranstaltung aufzulösen beginnt, sitzen nur noch Yvonne, Heidi, die zwei dänischen Mädchen und ich am Tisch. Heidi erzählt Yvonne, wie perfekt Waschi mit dem Küchenmesser umgehen kann. Sie ist über diese Fertigkeiten völlig verwundert. Ich sage so ungefähr: ‚If she is a professional cooker, then she should be able to handle a kitchen knife professionally.!‘ Heidi sieht mich mit grossen, ekstatisch geweiteten Augen strafend an !! Sie holt tief Luft und hält mir einen Vortrag darüber, dass man in diesem Fall nicht cooker sagt (‚Das heisst Herd !!!‘), sonder chief. ‚Chief heisst Koch und nicht cooker! Cooker, das ist der Herd !!!‘ Ich sage ganz ruhig, dass ich mich nie über das richtige English streiten werde, weil ich es nie gelernt habe (Völlig unmöglich !! Welcher Wessi würde so etwas laut sagen!). Für mich ist wichtig, mich verständlich zu machen und das hat doch auch jetzt geklappt. Alle haben verstanden, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Trotzdem aber bezweifle ich, dass man zu einem Koch chief sagt, denn was sollte unter diesen Umständen denn ‚chief engineer‘ bedeuten? Eher würde ich noch sagen, es heisst ganz einfach ‚she is a cook‘, wie James Cook.

Jetzt habe ich mich doch in eine Diskussion über englische Vokabeln eingelassen und Heidi kommt in Fahrt: ‚Nein !! Erstens heisst es chief und zweitens ist Cook ein Name, den Begriff cook gibt es überhaupt nicht !!‘ belehrt mich Heidi, immer mit den weit aufgerissenen, grossen und schönen, dunkelbraunen Augen. Ich sage ihr, dass ich das nicht so genau weiss, dass es mich aber so genau auch gar nicht interessiert. Es geht doch um ein ganz anderes Problem: ‚Ein Koch muss selbstverständlich ordentlich mit einem Küchenmesser umgehen können. Das habe ich gemeint und das hast Du doch auch ganz klar verstanden. Also haben wir uns eineindeutig verständigen können, obwohl cooker vielleicht falsch und chief oder cook vielleicht richtig ist!‘ ‚Aber man sagt nicht cooker, das heisst Herd !!! Man sagt chief !! Und cook, so ein Wort gibt es gar nicht, das ist ein Name !!!‘

Ich versuche sie zu beruhigen, offensichtlich kann man mit ihr in dieser Weise nicht diskutieren. Sie wiederholt immer die gleichen Argumente. Sie kann gar nicht aufhören, immer wieder zu erklären, dass cooker Herd heisst. Sie sagt immer Herd, nie Kocher, was ja eigentlich viel naheliegender ist ...! Ich breche schliesslich die Diskussion ab: ‚Wunderbar, wenn Du das alles so genau weisst. Für mich ist es aber ziemlich uninteressant und deshalb werde ich jetzt den anderen beim Aufräumen helfen!‘ ‚Ja, aber cooker heisst Herd !!‘ ruft sie mir wie ein trotziges Kind hinterher. Sie kann es nicht fassen, dass sie hier wieder nicht gegen mich gewinnen konnte! Dabei war sie so nahe dran und so sicher, jetzt die besseren Karten in der Hand zu haben! Aber ich sage nur: ‚Kann sein, vielleicht, ich weiss es nicht. Es ist doch auch völlig unwichtig!‘

Ein seltsames, fanatisches, fast hysterisches Mädchen. Wo kommt der Frust her, der dazu führt, sich über solche nichtigen Dinge mit mir zu streiten? Warum legt sie sich mit mir an, warum will sie so unbedingt gegen mich gewinnen? Und was macht sie so sicher ?! Ich bin nämlich fest davon überzeugt, es heisst cook und chief ist der Chef in vielen Varianten, aber kein Koch ...! Aber das korrekte Oxford English ist mir wirklich über weite Strecken völlig egal, Hauptsache, ich kann mich verständlich machen.

Yvonne und die dänischen Mädchen haben uns längst allein gelassen und räumen den Trailer auf. Ich mache noch mit und dann fallen wir alle nach diesem tollen Tag glücklich auf die dreckigen Matratzen.

08.10.98, 5:30 Uhr, Airport Darwin

 

 

 

 

 

 

 

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DIE ZIVILISATION

07. Oktober 1998, Mittwoch

 

Wer kann die Wonnen ermessen, wenn man nach fünf Tagen im Bush und fern von allen zivilisatorischen Errungenschaften, plötzlich wieder in einer gekachelten Dusche steht, einen Spiegel über dem sauberen Waschbecken sieht und wenn der Kaffee wieder in einer Porzellantasse serviert wird !? Ungeahnte, für immer verloren geglaubte Glückseligkeiten! Der Mensch (mindestens ich) liebt offensichtlich doch sehr Ordnung, Hygiene und Sauberkeit, einen geordneten Tagesablauf und jede Menge Bequemlichkeiten! Das habe ich jetzt alles wieder, denn ich sitze in einem Restaurant des Airports Darwin. Es ist 21 Uhr und in der letzten Stunde habe ich mich nur mit dem genüsslichen Rasieren und Duschen, mit neuer Wäsche und einem fürstlichen Menü (viel zu viel) verwöhnt. Heute übernachte ich hier auf dem Airport, denn meine Maschine nach Cairns startet morgen früh schon um 5:45 Uhr. Eine Stunde früher muss ich mindestens hier sein – da lohnt sich keine Übernachtung in der City von Darwin.

Heute war es in erster Linie ein Tag on the road. Wir stehen wie gehabt um 6 Uhr auf. Ich bin heute der Erste: Der Vollmond guckt mir durch die Zeltwand ins Gesicht! Auf der anderen Seite, im Osten, ist Sonnenaufgang. Bäume als Scherenschnitt vor gelb-rotem Hintergrund. Wieder ein so perfekter Farbverlauf von Gelb in das dunkle Blau des Zenits – was sind das für Bilder! Ich mache den Trailer auf, hole Wasser am Fluss für den Abwasch: Der Vollmond hat alle Crocodiles des Creeks hypnotisiert, es ist keines zu sehen ...! Dann werfe ich den Gaskocher an, setze das Kaffeewasser drauf und hole die Frühstücksutensilien auf den Tisch: Yvonne hat uns gut angelernt. Aber ich bin nicht ganz uneigennützig: Ich will den Rest des sehr guten Müslis haben. Langsam erwacht das Lager. Um 6:30 Uhr ist es zu hell für den Mond, aber die Gruppe ist aus den Federn und schweigsam wird gefrühstückt. Allen steckt noch die gestrige Tour in den Knochen. Dann beginnt der Abbau der Zelte, gestern haben wir uns das sparen können: Hier im Jim Jim Bush Camping Area haben wir zwei Tage übernachtet. Um 8 Uhr ist auch der Abwasch bewältigt, die Zelte sind verstaut, die Matten auf dem Trailer abgedeckt und verseilt, der Müll ist eingepackt und die Wasserflaschen sind (ohne Eis) gefüllt.

Wir fahren los, ich sitze dieses Mal vorne bei Yvonne, den ganzen Tag. Es geht zurück. Zuerst müssen die schlimmsten 10 Kilometer durch Wüste, verbrannten Bush und einige Wasserlöcher bewältigt werden. Dann kommt ein ganz ordentlicher Track, wenn es nur Waschbretter gibt, ist das hier schon eine sehr ordentliche Strasse.

 

 

Auf den letzten 20 Kilometern stehen riesige ‚Termites-cathedrals‘ rechts uns links im Outback. Ich habe Yvonne schon vorher gebeten, dass wir hier unbedingt anhalten müssen. Hier werden (hoffentlich) ganz tolle Fotos gemacht. Diese Termitenbauten sind bis zu sieben Meter hoch. Eine Termite ist 5 mm lang. Das macht 1400 x die Körperlänge. Wenn sich der Mensch daran ein Vorbild nehmen würde, müssten seine Hochhäuser rund 3000 Meter in die Wolken reichen. Heute ist das unvorstellbar. Die Termiten aber schaffen das schon seit Millionen von Jahren. Und der ganze Bau besteht nur aus Shit und Spit! Da müssen wir noch viel lernen ...!

Um 9:45 Uhr sind wir wieder auf dem Kakadu Highway. Wir fahren ein Stück in Richtung Norden und sind um 10 Uhr in Cooinda. Hier am Rasthaus gibt es eine Pause. Ich würde mir gerne eine Cola holen. Die kostet 2.60 $, ich habe aber nur 2.30 $ zur Hand. Also nehme ich einen Eiskaffee für 1.80. Das schmeckt herrlich und schon nach Zivilisation: Viel Milch, wenig Kaffee und sehr kalt.

 

 

Dann geht es weiter und wir fahren nach Süden. Wir erreichen gegen 11:30 Barramundie Gorge. Das Auto wird im Schatten von ein paar Bäumen abgestellt und nach einem Fussmarsch von 15 Minuten durch ein meistens trockenes Flussbett, erreichen wir den Punch Pool, der hier in der Trockenzeit existiert. Hier gibt es sogar einen Wasserfall mit ca. einem Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Ich borge mir für ein paar Minuten eine Schnorchelbrille: Ein relativ klares Wasser, warm und mit vielen, armlangen Fischen darin. Es ist high noon, die Sonne steht senkrecht über dem Pool, es ist unwahrscheinlich hell, strahlende Hitze. Gerade richtig, um meine wertvollsten Dokumente, Geld und Traveller Cheques in der Sonne auf den glühenden Steinen zu trocknen. Nachwehen von gestern: Ich transportierte für den Mini-Lunch am oberen Jim Jim Pool eine Kunststoffdose mit Salat aus Gemüse und Reis. Ich Dussel frage Yvonne auch noch, ob die Dose dicht ist, anstatt sie vorsorglich in eine Plastetüte einzuwickeln. Yvonne nickt und ich Idiot stecke sie in den Rucksack und denke nicht selber nach: Natürlich steckt meine Wasserflasche immer zur Sicherheit in einer Plastetüte. Und natürlich läuft die Salatflüssigkeit in meinen Rucksack und ich merke 24 Stunden davon nichts. Als wir heute im Auto sitzen, hole ich mein Tuch als Schutz gegen den Zug vom Fenster aus dem Rucksack: Es ist so nass, dass ich es auswringen muss! Was ist hier los ?! Langsam dämmert es bei mir und ich fasse ganz unten in meinen Rucksack, wo meine Bauchtasche mit Pass, Tickets und Geld verstaut ist: Alles ist nass! Auch das Reisetagebuch hat was abbekommen. Aber es ist wohl weitestgehend nur Wasser. Nach einer Stunde ist alles fast getrocknet und ich habe schon wieder was gelernt: Kein Essen in den Rucksack ohne Plastetüte und wenn überhaupt die Bauchtasche in den Rucksack, dann nicht unten auf den Boden! Aber das weiss man immer erst hinterher so genau. Am schnellsten wird man durch Schaden klug. Erstaunlich.

Wir schwimmen fast 1 ½ Stunden in dem schönen Pool. Bis auf eine Foto-Pause bin ich durchgehend im Wasser und richtig mit Sonnenschutzcreme eingeschmiert. Die ganze Truppe sitzt die meiste Zeit in der glühenden Sonne hinten am Wasserfall, nur die Füsse spielen im Wasser. Heute abend waren die beiden dänischen Mädchen mit einem herrlichen Sonnenbrand gesegnet.

Gegen 14 Uhr laufen wir zurück und ich bin jetzt ungetadelt der Letzte. Auf dem gestrigen Trip zum Jim Jim Falls hat Yvonne dafür gesorgt, dass ich nicht der Letzte war, wie ich das immer wollte. Sie hatte die Dänen beauftragt, dass einer von ihnen immer hinter mir sein sollte. Gestern abend habe ich ihr dann bei unserem angeregten Gespräch erklärt, dass sie sich um mich trotz meiner Supersandalen keine Sorge machen muss. Am Jim Jim Falls hätte sie es lieber gesehen, wenn ich Turnschuhe angezogen hätte ... Ich sagte ihr wie ich es bedauert habe, dass wir so schnell über das Felsplateau gerannt sind, wo das doch so eine faszinierende Gegend ist. Ausserdem hasse ich es fürchterlich, in einer Reihe zu gehen: 40 Jahre lang musste ich das tun. Jetzt aber bitte nicht mehr! Das hat Yvonne sofort eingesehen und heute war die Reihenfolge immer klar, ich war der Letzte und zur Gruppe gab es meistens einen Abstand von mindestens 20 Metern.

Gestern abend bei Wein und gutem Essen habe ich mich mit Yvonne über Gott und die Welt und über die Aborigines unterhalten. Sie ist eine kluge, aber auch eine sehr emotionale, immer lachende Frau. Mindestens alle drei Minuten ganz laut: Ha ha ha !! Und alle 10 Minuten Ha x 6 ! Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass Yvonne Malerin ist und an irgendeinem College in Darwin auch Studenten unterrichtet! Da sind wir ja gleich beim richtigen Thema. Wir diskutieren über Kunst, Malerei und Kunsthochschulen. In Brisbane ist die nächste, aber die beste ist in Adelaide. Yvonne kommt vielleicht 1999 nach Europa. Wenn ich dann nicht gerade wieder auf Reisen bin, ist sie in Berlin und auch in Halle herzlich willkommen. Ausserdem werde ich ein paar Bilder von diesem Kakadu-Trip ins Internet hängen und ihr dann die Adresse über ihr Office zuschicken. Adventure Tours hat eine HomePage im Internet – schon wieder können Links geschaltet werden ...! Yvonne gibt mir ihre Visitenkarte, ich gebe ihr meine: ‚Hey, you’re professor and Dr. and Head of the Media Centre ??!‘ ‚Oh, never mind ... now I’m only a backpacker.‘ Sicher weiss das morgen abend die ganze Truppe. Bisher habe ich auf Fragen (Waschi hat mich mal ziemlich intensiv interviewt) immer (wahrheitsgemäss) gesagt, dass ich mit Computern arbeite.

Auf dem Parkplatz vor dem Punch Pool des Barramundie Gorge machen wir nach dem Baden Lunch Time: Es gibt Nudelsalat und mit dem Gaskocher zaubert Yvonne getoasteten Sandwich mit Käse, Tomate und Schinken: Das schmeckt richtig gut. Um 15 Uhr ist auch das vorbei und wir sind reisefertig.

Jetzt ist die Tour zuende, wir müssen nur noch nach Darwin kommen, dazu sind 300 Kilometer zu überwinden. Wir fahren erst den Kakadu Highway nach Norden, biegen dann aber in die ‚Alternative Road‘ nach Darwin ein. Das ist die ‚Old Jim Jim Road‘. 230 km bis Darwin, dieses Schild steht um 15:30 Uhr links an der Strasse. Strasse ist geschmeichelt. Mindestens 70 Kilometer ist es eine Schotterpiste, der Rest ist meistens einspurige Teerstrasse mit Randstreifen. Aber sie fährt sich gut, es ist wenig Gegenverkehr. Die Strasse führt durch Wetlands, es gibt viele Wasserlöcher mit frischem Grün und tausenden von Wasservögeln. Yvonne erzählt, dass das die erste Strasse in Richtung Jabiru gewesen ist. Aber in der Regenzeit ist sie nicht befahrbar. Deshalb gibt es jetzt die neue Strasse. Was in der Regenzeit hier los sein muss kann man daran ermessen, was die kleine Stadt Katherine (200 km südlich von hier) im Februar 1998 erlebt hat: In nur sieben Stunden stieg der Pegel des Katherine Creeks um neun Meter! Krokodile beim Windows Shoping in der Main Street von Katherine! Das ist erst ein paar Monate her und es wird immer wieder passieren. Solche Naturgewalten kriegt man einfach nicht in den Griff.

Wir machen einen Halt am South Alligator Creek, die Wasserflaschen werden nachgefüllt, denn seit Cooinda haben wir wieder Eis im Trinkwassertank. Am Alligator Creek sehen wir keine Alligatoren, aber es gibt noch einige Billabongs und die Strasse führt direkt durch einen hindurch. Das wird wohl die letzte Flussdurchfahrt sein, das Wasser ist nicht tief, höchstens 30 cm. Dann geht die Fahr direkt in die Sonne weiter, die schon recht tief zwischen herrlichen Wolken steht. Vor Annaburroo ist sie nur noch durch glasigen Neben zu sehen: Riesige Rauchschwaden von Bushbränden. Es riecht auch nach Rauch und mindestens 10 Kilometer fahren wir durch diese Rauchfahne, die von einem Brand auf der rechten Seite herüber weht. Hier liegt die Gaststätte Bark Hut Inn, bei der wir uns auf der Hinfahrt mit Bier versorgt haben. Jetzt gibt es hier eine Pause für den Driver und endlich kann man wieder etwas anderes trinken, als Eiswasser. Die Gaststätte versucht, den Charme einer Truckerkneipe zu vermitteln. Das ist sie vielleicht zu Anfang mal gewesen. Jetzt aber gehen hier täglich hunderte von Touristen ein und aus. Hier gibt es ein Wandbild von Yvonne aus früheren Tagen, wo sie sich mit solchen Dekorationen ihr Geld verdient hat. Ich enthalte mich lieber jeder Kunstkritik, aber es ist wenigstens keine Kunst der Moderne.

Dann geht es gegen 17:30 Uhr auf die letzten ca. 120 Kilometer. Die Sonne steht schon tief über dem Horizont und ich geniesse in Ruhe diese schöne Abendlandschaft. Ich gucke nach hinten: Alles schläft, einsam wacht ... Uwe und Heidi. Heidi und der cooker! Schlagartig fällt mir ein: Ich habe doch ein Wörterbuch im Rucksack! Wie konnte ich das vergessen! Wie ist das nun wirklich mit chief and cook? Ich gucke nach und lache laut heraus – bei dem Krach des Autos und der entsetzlichen Musik (‚Industrial noise’, sage ich zu Yvonne) geht das aber unter. Die schlaue Heidi behauptet, chief heisst Koch und das Wort cook gibt es nur als Namen. Nach dem Wörterbuch ist cook der Koch und ‚chef‘ der Küchenchef. Der chief ist der Anführer, der Chef, der Häuptling, mit dem Kochen hat er nichts zu tun. Cooker heisst Kocher oder Herd, das war ziemlich klar. Oh weh, arme Heidi. Der verbissene Uwe und die leicht fanatisierte Heidi sind wirklich die Besser-Wessis aus dem Bilderbuch: I’m the greatest! Wie ist egal. Als wir uns später in Darwin verabschieden sage ich zu Heidi: ‚Immer, wenn ich in der Zukunft die Worte cook und chief benutze, werde ich an Dich denken !!‘ ‚Ja, cooker heisst Herd und nicht Koch !!‘ ‚Ja‘ sage ich ruhig, ‚das ist ja längst abgehakt. Aber ich habe ja auch cook und chief gesagt. Guck‘ bei Gelegenheit mal ins Wörterbuch! Da kannst sogar Du noch was lernen ...!‘ Sie sagt nichts mehr. Auch Uwe gebe ich die Hand und sage mehrdeutig: ‚Es war seeeehr interessant, Euch beide zu sehen !!‘ Auch er findet keine Worte mehr und ringt sich ein verzerrtes Grinsen ab. Mein Gott, was sind das für Menschen ...

Aber noch fahren wir auf Darwin zu. Die Sonne wirft lange Schatten. Jetzt geht sie langsam unter.

 

 

In der Gegend der Adelaide Bridge mache ich das letzte Foto: Sonnenuntergang mit Spiegelung in kleinen Billabongs voller Wasservögel. Riesige Wolkentürme färben sich gelb und rot, links von der untergehenden Sonne: Seeing nature, feeling nature ... das ist das Grösste überhaupt. Yvonne sagt bedauernd, dass es solche riesigen Wolken oft hier gibt. Es sieht immer so aus, als ob gleich ein riesiges Gewitter losgeht, das etwas Abkühlung bringt. Aber in der Trockenzeit passiert meistens gar nichts, kein Tropfen fällt, höchstens ist mal das Leuchten von Blitzen in den Wolkenbergen zu sehen. Bei diesen Wolkengebirgen kann man ahnen, welche Gewitter sich hier in der Wet Season entladen. Überall hängen Bilder davon, auch hier im Airport. Diese Gewitter (1800 Blitze pro Stunde !!) und die mit dem Regen explodierende Natur im Januar und Februar muss man doch einfach gesehen haben! Das Speer-Gras wächst dann 4 cm in 24 Stunden! Das ist für die Aborigines das Zeichen, dass eine neue von den sechs Jahreszeiten angebrochen ist.

Ich frage Yvonne, was man bei Motorschaden macht? Das ist für sie kein Problem, denn von Motor und Technik versteht sie nichts. Sie kann nur fahren und weiss, ob noch Benzin im Tank ist, oder nicht. Aber es sind viele Kollegen ihrer Firma im Kakadu unterwegs, Yvonne ist bekannt wie ein bunter Hund, man hilft sich. Das gilt nicht nur für die Kollegen, alle helfen, wenn (eine Frau) eine Panne hat. Ein Handy ist nicht nötig: ‚Da rufen die mich ja ständig an!‘ meint Yvonne.

Gegen 19 Uhr erreichen wir den Adventure-Stützpunkt mitten in der City von Darwin. Alle sind zu einem VIP Dinner im Hotel Victoria eingeladen. Ich verabschiede mich hier von allen, denn zu meinem grössten Bedauern bin ich verhindert. Ich habe einen Termin mit einem Fachkollegen. Den habe ich per Telefon (Yvonne war dabei ...!) sogar schon von 16 auf 20 Uhr verschoben. Zu solchen Lügen bin ich fähig. Ich habe einfach überhaupt keine Lust, diesen schönen Abend mit Smal Talk zu verbringen. Was mir absolut auf der Tour gefehlt hat, habe ich jetzt endlich wieder: Ruhe für das Schreiben. Das Schreiben scheint für mich existenziell zu sein, wenn ich alleine auf Reisen bin. Wie soll man auch anders das alles verarbeiten, was man an so einem Tage erlebt, sieht und fühlt !? Also ich bin ganz offiziell entschuldigt und ich verabschiede mich herzlich von allen. Das beruht wirklich auf Gegenseitigkeit. Zu allen hat sich in diesen Tagen ein wirklich kameradschaftliches Verhältnis entwickelt. Die absolute Ausnahme sind Uwe und Heidi. Yvonne fallen zum Abschied alle um den Hals, ich auch. Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder, mindestens im Internet.

Ich laufe die paar Schritte bis zur Main Street von Darwin. The Mall ist nicht weit weg von hier. Ich bekomme sofort eine Taxe und stehe eine halbe Stunde später im Airport unter der Dusche ... Siehe oben!

22:50 Uhr, Airport Darwin

 

 

 

 

 

 

 

ARCHAISCHE
REVIERKÄMPFE

08. Oktober 1998, Donnerstag

 

Es ist 4 Uhr auf dem Airport in Darwin und ich bin beim Check-In gerade meinen grossen und schweren Rucksack losgeworden. Eine Viertelstunde vorher habe ich ihn aber noch gebraucht, denn da habe ich mich aus dem Schlafsack gepellt, der in diesem Rucksack verstaut ist. Gegen 23 Uhr habe ich mich gestern hier auf meiner ISO-Matte mit dem Schlafsack hingelegt. Auf dem schönen Teppichboden war es herrlich bequem und warm. Geschlafen habe ich wenig. Ich war noch zu sehr mit Uwe, Heidi und den anderen beschäftigt. Ausserdem war bis Mitternacht ein lauter Fernseher zu hören, auf dem so eine idiotische amerikanische Seifenoper lief, wo sich alle 10 Sekunden irgendwelche Leute im Hintergrund halb totlachen. Blöder geht es nicht mehr. Kein Mensch kann sich auch nur 10 Minuten so amüsieren, wie es die virtuellen Lacher dem Zuschauer über Stunden glauben machen wollen. Aber irgendwann war endlich Ruhe.

Sie dauerte nicht lange, dann kam der Mann mit dem Staubsauger. Ich stehe auf, gehe ein bisschen in der grossen Abflughalle spazieren. Als ich bei einem Telefon vorbeikomme, rufe ich bei Cati an: Es ist keiner da, aber für 2 Dollar sage ich dem Anrufbeantworter, dass der Opa am anderen Ende der Welt die Bushtour überlebt hat. Jetzt wissen sie also in Germany, dass alles i.o. ist und dass ich am Sonnabend wieder zu Hause bin.

Gegen 2:30 Uhr gehe ich auf die Toilette und laufe dabei einem Sicherheitsmenschen in die Arme: ‚Was machen Sie hier ??! This is a restricted area !!‘ Es hilft nichts, obwohl es hier keine entsprechenden Schilder gibt, muss ich meine Sachen packen und eine Etage tiefer gehen. Gegenüber dem Schalter von Qantas lege ich mich noch einmal mit meinem Schlafsack hin. Hier unten bin ich auch nicht der einzige, der heute auf dem Airport übernachtet. In dieser Nacht schlafe ich kaum. Gleichzeitig aber liege ich völlig entspannt in meinem Schlafsack. Einige Episoden des Kakadu-Trips ziehen an meinem geistigen Auge noch einmal vorbei. Ich schlafe nicht, aber ich bin auch nicht wach. Aber mir ist immer klar, dass es mir gut geht und ich mich sehr wohl fühle. Schön, wenn man es dann noch mit Autogenem Training schafft, ein Viertelstunde vor Beginn des Check-In aufzustehen. Der Schalter öffnet sogar vorfristig kurz vor 4 Uhr. Ich habe den gewünschten Fensterplatz und bin den Rucksack los. Jetzt warte ich nur noch auf das Frühstück. Im Restaurant regt sich schon was, aber es hat noch nicht geöffnet.

4:18 Uhr, Airport Darwin

Was sind das für Leute, die hier durch Zufall gezwungen sind, fünf Tage sehr eng miteinander zusammen zu leben? Das Verhalten der einzelnen Personen und der Gruppe zu beobachten, ist mindestens genau so interessant, wie die ganze Safari!

Der Chef ist weiblich und heisst Yvonne. Eine schlanke, braun gebrannte Frau ‚in den besten Jahren’, zwischen 40 und 45 Jahren schätze ich. Vom vielen Lachen hat sie Lachfalten und zusammengekniffene Augen. Sie ist sehr lebendig und kommunikativ, eher klein als gross. Dass sie hier bestimmt, wo es langgeht, daran lässt sie von Anfang an keinerlei Zweifel aufkommen. Sie fährt das Auto mit den neun Safariteilnehmern. Hinten hängt noch ein grosser, zweirädriger Anhänger dran. Sie erklärt Fauna und Flora, die Geologie, die Aboriginal-Kultur. Sie hat immer gute Laune und lacht ständig. Sie verteilt resolut die Arbeit, wenn es um Breakfast, Lunch, Dinner und den Auf- und Abbau des Bushcamps geht. Dabei spricht sie ein schrecklich unverständliches Aussie-English. Sie rennt die Berge rauf und runter, sie springt als erste in den Pool, sie ist immer vorne weg, ständig erklärend und man hat den Eindruck, sie spricht zu jeder Zeit auch persönlich mit jedem. Sie bevorzugt oder benachteiligt keinen obwohl klar ist, dass sie sich über jeden in der Gruppe ganz schnell ihre Meinung gebildet hat. Aber sie begegnet jedem mit wirklich herzlicher Freundlichkeit. Sie ist der ideale Guide und Entertainer. Für meine Begriffe macht sie zu viel Action. Ich hätte gerne pro Tag mindestens eine Stunde völlige Ruhe (zum Überlegen und Schreiben) gehabt. Aber die Yuppies hatten keine solchen Bedürfnisse, für sie war dieser Aktionismus genau richtig.

Die Gruppe der Safariteilnehmer besteht aus zwei Mädchen aus der Schweiz, Wischi und Waschi, beide (23); drei Dänen Kerstin (26), Linda (28) und Hendrik (25); Christoph (29) kommt aus Frankreich; Uwe und Heidi (... das sind die wirklichen Namen!), beide 30 Jahre alt und miteinander verheiratet, können nur aus Deutschland sein und daher kommt auch Johnny (63), der Oldie der Gruppe.

Wischi und Waschi sind zwei kleine und sehr naive schweizer Mädchen. Waschi hat gerade Geburtstag, als wir zum Jim Jim Falls gehen. Sie ist ca. 160 cm gross und sie ist ‚the cooker‘, was richtig natürlich cook heissen muss. Vor dem cooker hat sie sich einen stattlichen Hintern angefuttert, sie hat eine mütterliche, breite Brust und mit den strammen Beinen läuft sie entsetzlich über den Onkel, dahinter müssen Probleme mit den Hüften stecken. Sie spricht kein Wort English, Wischi kann ein bisschen. Beide haben tief schwarze Haare, zu tief, als dass das echt sein könnte. Beide sind Allerweltsmädchen, absolut keine Schönheiten. Wischi ist knabenhaft schlank und etwas grösser als Waschi und arbeitet als Sekretärin. Erst wenn sie einen Badeanzug an hat sieht man, was sie darin für eine schlanke, wohlproportionierte Figur verpackt. Beide sprechen deutsch und untereinander nur das schöne, aber völlig unverständliche Schwyzer Dütsch. Als wir uns beim Start begrüssen freuen sie sich, dass noch ein paar Deutsche da sind, die ihnen Yvonnes Erläuterungen übersetzen können. Von Anfang an lassen Uwe und Heidi keinen Zweifel daran, dass nur sie dafür ausreichend qualifiziert und kompetent sind. Waschi fragt alle systematisch nach Alter, Familie, Kinder, Wohnort und Arbeit aus, dabei benutzt sie Heidi als Dolmetscher. Aber sobald sie diese Daten von jedem weiss, ist ihre Neugier völlig gestillt und sie unterhält sich fast ausschliesslich, dafür aber pausenlos, nur noch mit Wischi. Auch wenn man nicht versteht, um was es bei den endlosen Gesprächen der beiden geht kann man erkennen, dass Wischi nur die Stichworte gibt und das kurz kommentiert, was Waschi erzählt. Aber diese kurzen Bemerkungen reichen aus, um den Redefluss von Waschi in Gang zu halten, sie antwortet, ergänzt, erweitert. So werfen sie sich gegenseitig die Bälle zu, nur unterbrochen von häufigem Amüsement. So machen sie Wischi Waschi schon beim Aufstehen, beim Frühstück, im Auto, bergauf, bergab, in glühender Wüstenhitze im kühlen Felsenpool, beim Abendbrot und es ist erstaunlich, dass sie überhaupt in ihrem Zelt zum Einschlafen kommen. Bei den Gesprächen geht es nicht um Landschaft, Tiere oder Pflanzen, die auf den Wanderungen zu sehen sind. Das interessiert sie alles kaum und das rauscht an den beiden ungesehen vorbei. Es geht wohl um ihre Arbeit, ihre Bekannten und Verwandten, um Storys aus der Heimat und alles, was da so im alltäglichen Leben passiert.

Kerstin und Hendrik schlafen in einem Zelt. Linda baut sich ihr Zelt alleine auf. Die drei Dänen sind angelernte Industriearbeiter, haben ihren Job in Dänemark aufgegeben und beschlossen, für ein halbes Jahr nach Australien zu fahren. Warum, das wissen sie nicht so genau, viel Geld haben sie zwar nicht, aber arbeiten wollen sie hier auch nicht. Sie wollen vorwiegend mit dem Bus durch das Land reisen und mal sehen, was sich dabei so ergibt. Sie sprechen alle drei gut English und auch ein paar Brocken Deutsch und sie sind alle sehr freundlich und hilfsbereit. Kerstin ist von hinten ein sehr unförmiges Mädchen mit einem riesigen Hintern und sehr dicken Beinen. Vorne ziert sie eine stattliche Hängebrust und ein wirklich nettes, immer lachendes Gesicht, umrandet von blonden, gelockten, kurzen Haaren. Linda ist gross, blond und schlank. Aber im Gegensatz zu Kerstin, bei der ich viel eher Schwierigkeiten vermutet hätte, hat Linda auf Wanderungen Probleme mit dem Kreislauf. Sie nimmt ständig irgendwelche Tabletten und Tropfen und ist bemüht, sich vor jeder Art von Arbeit zu drücken. Sie fasst nur mit an, wenn es wirklich unumgänglich ist. Dafür redet sie viel und mit jedem und nicht nur irgendwelches triviales Zeug. Da geht es auch um Wertvorstellungen, Philosophie und existentielle Probleme. Man kann sich gut mit ihr unterhalten. Sie ist offensichtlich eine intelligente, interessierte und relativ hübsche, junge Frau, die auch schon ein paar Erfahrungen hinter sich hat. Hendrik ist recht gross und sieht wie ein strammer Bauernbursche aus. Er hat einen leichten Silberblick, hat kurze, mittelblonde Haare und er läuft immer in ausgelatschten Turnschuhen, kurzen Hosen und T-Shirt herum. Alle Leute auf dieser Tour haben übrigens kurze Hosen an. Nur Johnny läuft immer in den gleichen langen, sandfarbenen und dreckigen Hosen herum. Hendrik greift kräftig mit zu. Aber wenn es möglich ist, drückt er sich wie Linda von der Arbeit. Er redet auch nur, wenn er gefragt wird und dann beschränkt er sich auf kurze Antworten oder Kommentare. Nur Kerstin ist immer dort, wo es Arbeit gibt, sie hilft immer mit, wenn es um Breakfast, Lunch, Dinner oder um das Abwaschen und Aufräumen geht.

5:15 Uhr, Airport Darwin

Christoph ist ein sehr ruhiger Franzose. English spricht er mit sehr starkem französischen Akzent. Er sieht so aus, wie man sich einen Franzosen vorstellt: Mittelgross, schlank, dunkle, kurze Haare, das recht scharf geschnittene Gesicht eines Franzosen, dunkler Dreitagebart, statt der Baskenmütze hat er einen echten, durchgeschwitzten Aussie-Hut mit Krokodillederband auf dem Kopf. T-Shirt, kurze Hose, muskulöse Beine, hohe, leichte Kletterschuhe. Er sieht sehr gut aus, hat gerade sein Ingenieurstudium (Telekommunikation) in England abgeschlossen. Die Frauen müssen auf ihn fliegen wie auf einen Dream Boy. Er ist immer präsent, er ist top fit, er kann alles (schliesslich ist er Ingenieur ...), aber er macht von den Männern am wenigsten. Arbeiten ist nicht seine Sache. Er sagt auch nicht viel und schwatzt nicht ständig, wie die anderen, aber er ist immer da, immer dabei. Er schläft mit Johnny in einem Zelt, es gibt keine besondere Beziehung zwischen den beiden, aber auch keinerlei Probleme.

Mit Abstand die interessantesten Leute dieser Gruppe sind Uwe und Heidi. Die Namen sind echt und sie passen wie die Faust auf’s deutsche Auge. Die beiden würden gerne die Gruppe dominieren, aber Yvonne hat das Heft fest in der Hand. Wischi und Waschi aber werden von Uwe und Heidi ständig belehrt, ermahnt und instruiert. Auch zu den Dänen hat sich schnell ein enger Kontakt entwickelt. Sie werden von Uwe und Heidi systematisch in die Küchenarbeit eingespannt. Christoph ist immer dabei, sagt aber fast nie etwas und er lässt sich auch nicht gängeln. Johnny scheint das alles nicht zu interessieren. Er ist zwar mit von der Partie, lässt sich aber von den Reden und Aktionen der beiden nicht beeindrucken.

Der Morgen beginnt damit, dass es im geschlossenen Zelt von Uwe und Heidi 20 Minuten lang rumort. Dann steigen sie mit zwei riesigen, fertig gepackten Reisetaschen und zwei Daypacks aus dem Zelt. Nur ausgewählten Leuten nicken sie huldvoll einen guten Morgen zu. Beide sind wie aus dem Ei gepellt und frisch gebadet: Uwe hat braune Bergstiefel an, blütenweisse, lange Socken, schwarze, kurze Hose, ein blaues, auf das Schwarz der Hose abgestimmtes T-Shirt, schwarzes Halstuch, schwarze Baseballkappe auf dem vorne schon etwas gelichteten Haar. Sein Daypack ist von der Wasserflasche bis zum Bauchriemen Hightech und Zeitgeist. Heidi hat helle (billige ...) Bergstiefel und ebenfalls lange, weisse, gerade frisch gewaschene Socken an. Kurze helle Hose, jeden Tag eine neue, ein helles T-Shirt, und ein schwarzes Tuch, passend zu Uwe und kunstvoll ins braune Haar gebunden. Sie hat einen Daypack aus gelbem Leder dabei, der ist zwar unpraktisch und schwer, aber unheimlich chic. Mehrfach am Tag wechseln die beiden aus ihren unerschöpflichen Vorräten die Garderobe. Heidi fotografiert und hat deshalb immer eine schwere Spiegelreflexkamera schussbereit in einem edlen Futteral an der Seite hängen. Beide sind ca. 170 bis 175 cm gross und schlank, beide sind sportlich und fit. Heidi hat mit Abstand die beste Figur aller Frauen dieser Gruppe und weiss das natürlich auch. Betont verzichtet sie auf jeden BH, ihre kleinen, festen Brüste haben das nicht nötig. Sie hat grosse, dunkle Augen, einen vollen Mund, die Nase ist etwas zu gross, lange braune Haare, eine schlanke, schöne Frau. Beide sind schon mehrfach auf grossen Reisen gewesen und haben dadurch alle Erfahrungen, die man überhaupt haben kann.

Uwe weiss alles, kann alles und hat schon alle Probleme dieser Welt mehrfach gelöst. Deswegen hat er auch auf jede Frage die absolut perfekte Antwort parat, die Heidi erläutert und ergänzt. Er ist seit ein paar Monaten selbständiger Steuerberater mit eigenem ‚Office‘. Was Heidi macht, bleibt unklar, aber Unterstufenlehrerin wäre der ideale Beruf für sie. Sie bewundert Uwe. Uwe bewundert Heidi. Uwe wedelt Heidi die Fliegen vom Kopf, Heidi hält Uwes Händchen. Bei jeder Gelegenheit erzählt sie, wie gut Uwe ist und was er alles schon für bewundernswerte Leistungen vollbracht hat. Seit zwei oder drei Jahren sind sie verheiratet. Uwe aber ist unbestritten der Grösste von den beiden. Dann aber kommt sofort Heidi und danach kommt erst mal gar nichts mehr. Uwe ist immer aktiv. Allerdings immer mit verbissener, angestrengter Mine die jedem signalisiert: ‚Wenn ich es nicht mache, wird es ja nichts!‘ Uwe macht den Trailer auf, Uwe macht Feuer und schmeisst den Gaskocher an, Uwe holt das Essen aus den Vorratskisten (nach Yvonnes Anweisungen), Uwe wäscht ab, Uwe räumt auf und packt ein. Uwe hasst Schmutz und er fasst dreckige Sachen immer nur mit spitzen Fingern und Leidensmine an. Uwe dirigiert die anderen, wenn das nicht schon Yvonne gemacht hat und überall wird Uns Uwe assistiert von Heidi. Ein einfach fabelhaftes, unfehlbares und eingespieltes Team. Bei Wanderungen ist Uwe immer vorne weg, aber hinter Yvonne. Inzwischen führt Heidi die Mädchen an und hält die Kommunikation aufrecht. Bei Diskussionen in den Ruhepausen oder am Abend führt Uwe das grosse Wort. Er ist die letzte Instanz für jedes Problem, hat immer die richtige Einschätzung der Lage parat und bekräftigt seine Reden immer mit einem kurzen, zackigen ‚Ja !!‘ Das signalisiert, das Thema ist abgeschlossen, jede weitere Erörterung ist überflüssig. Beide sprechen so gut English wie die Dänen und sind damit natürlich die prädestinierten Dolmetscher. Uwe ist immer in der Nähe von Yvonne, berät sie ungefragt und schlägt auch mal vor, etwas anders zu machen. Aber da ist er bei Yvonne an der falschen Stelle. Sie lässt sich absolut nicht aus der Ruhe bringen oder die Butter vom Brot nehmen. Sie ignoriert Uwes Aktionen ganz einfach. Sie ist hier der Bestimmer und damit Basta!

Johnny ist ein alter Mann (63), aber er ist noch erstaunlich fit. Er hat immer die gleichen Sachen an: Supersandalen mit oder ohne Socken, eine lange, sandfarbene Hose, ein etwas helleres, langärmliges Khaki-Hemd, Sonnenbrille und einen unmöglichen, aber sehr praktischen, breiten Leinenhut, der auch noch den Nacken vor der Sonne schützt. Johnny macht immer mit, wenn es um Frühstück, Lunch oder Dinner geht. Er fragt immer Yvonne, was zu tun ist, wenn er nicht selber sieht, wo zuzupacken ist. Johnny ist der Spezialist für die Wasserbeschaffung und das Verpacken der Matten oben auf dem Trailer. Um die Arbeit mit den Matten beneidet ihn keiner, weil das Verseilen auf dem Trailer schwer und schmutzig ist: Eine Sauarbeit. Alle verdrücken sich, wenn es so weit ist, Johnny wird es schon machen und Yvonne assistiert ihm. Sie sind beide nicht nur dabei ein gutes Team. Johnny stellt grundsätzlich keine Fragen und er erzählt auch nichts von sich aus. Er lässt die anderen kommen, dann erst merkt man, dass er sehr freundlich, witzig und umgänglich ist und auch English sprechen kann. Der Grund für dieses Verhalten ist simpel: Er spricht nicht so gut English wie die anderen und er hört etwas schwer. Deshalb muss er sich sehr konzentrieren, wenn er dem Gespräch der Gruppe folgen will. Dazu kommen noch Probleme mit dem Aussie-Dialekt von Yvonne. Verständigungsprobleme gibt es nicht, aber er ist bei vielen Gelegenheiten einfach zu bequem, den meistens recht geistlosen Gesprächen zu folgen. Die Anstrengung lohnt sich nicht, seine Ruhe ist ihm deutlich mehr wert. Johnny hat erst recht kein Interesse, hier mit seinem Prof. Dr.-Ing. zu glänzen, der im Bush ohne jede Bedeutung ist. Auf Fragen nach seinem Beruf sagt er immer nur: ‚I’m working with computers ...‘ und das stimmt ja auch. Das Gegenteil ist ihm viel lieber: Sollen doch alle denken, dass er senil und etwas beschränkt ist, das erleichtert die Beobachtung der Gruppe ungemein. Und genau hier liegt sein wesentliches Interesse: Er beobachtet fasziniert die sozialen Beziehungen in diese Gruppe, die sich in einer ziemlich extremen Situation befindet. Die Gruppe ist sich in der Einschätzung von Johnny noch nicht sicher. Wenn er angesprochen wird, antwortet er vernünftig und in teilweise hervorragendem English. Über weite Strecken aber hat man den Eindruck, er sitzt nur dabei und ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Dass er sich überhaupt Gedanken macht, sieht man nur daran, dass er manchmal einen gelben Zettel aus dem Hemd zieht und sich Notizen macht. Und am Abend, wenn Ruhe einkehrt, schreibt er lange Seiten in sein Reisebuch. Waschi fragt ihn mal direkt: ‚Was schreibst Du denn immer auf den gelben Zettel?‘ ‚Ich schreibe auf, was mir so durch den Kopf geht, damit ich es bis zum Abend nicht vergessen habe.‘ Johnny zeigt auch keinen Bedarf für die Übersetzungskünste von Uwe und Heidi. Im Gegenteil, er führt lange Gespräche mit Yvonne, wobei sie sich z.B. intensiv und detailliert über die Aboriginal-Kultur unterhalten. Also es ist unklar, warum dieser alte Mann eigentlich hier mit dieser jungen Truppe unterwegs ist und welche Rolle er in dieser Gruppe spielen will. Aber ausser, dass er sehr zurückhaltend ist, fällt er nicht negativ auf. Er hat nur Schwierigkeiten, wenn es steil bergauf geht. Sonst hat er bei den Wanderungen weniger Probleme als alle Mädchen. Heidi natürlich ausgenommen!

11 Uhr, Sunland CarPark, Cairns

In dieser Gruppe geht es schon seit dem ersten Lunch am 4 Mile Hole darum, die notwendige Rangordnung festzulegen. Hier geht es nicht wie beim TAKA-Trip um eine Vergnügungsreise, auf der die Touristen von Staffs bedient werden. Die Umstände dieser Safari lassen sie auch zu einem (sehr milden) Überlebenstraining werden: Die Gruppe muss sich selber versorgen und über Wasser halten. Wenn dann noch ein paar machthungrige Leute wie Uwe und Heidi mit völlig übersteigertem Selbstbewusstsein zur Gruppe gehören, wird in so einer Situation zu Anfang alles auf ein völlig emotionales Niveau zurück gesetzt. Auch und gerade die sozialen Beziehungen. Hier sind (quasi) existentielle Entscheidungen zu treffen und die vorhandenen Ressourcen aufzuteilen. Die entscheidende Frage ist, wer trifft hier diese Entscheidungen, wer ist der oberste Chef ??! Unter animalischen Verhältnissen wird das nicht mit demokratischen Methoden geklärt, das funktioniert auch hier nicht: Nur einer kann die Verfügungsgewalt haben und ‚Gewalt‘ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Unter dem Chef wird in kurzer Zeit bis ins letzte Glied mit den gleichen Methoden die Rangordnung ausbalanciert. Ganz erstaunlich ist zu beobachten, dass sich getrennte Hierarchien unter den Männern und den Frauen bilden! Natürlich ist das logisch, aber ad hoc habe ich das nicht erwartet.

Der Chef ist unstrittig Yvonne, aber wie geht es dann weiter ?! Da springt sofort Uwe in die Bresche und die beiden anderen Männer, Christoph und Hendrik machen ihm diese Position nicht streitig. Auch die Führungsrolle von Heidi für die Frauen ist unstrittig. Sie führt von Anfang an unter den Frauen genau so sicher das Wort, wie Uwe unter den Männern. Alles wäre klar, wenn sich Johnny deutlich und erkennbar positionieren würde. Aber das macht er nicht. Ohne Zweifel erkennt er die Führerschaft von Yvonne an. Aber offensichtlich gibt es von der ersten Begrüssung an Spannungen zwischen Uwe und Johnny, die noch nicht ausgetragen worden sind. Johnny ist zu allen freundlich, hat zu allen guten Kontakt, macht Scherze und beteiligt sich an jeder Arbeit. Aber er zeigt gegenüber Uwes Reden und Aktionen keinerlei Interesse, das gleiche gilt für Heidi. Er leistet quasi gegenüber den beiden passiven Widerstand. Das aber ist ein eindeutiges Signal: Die Führerschaft der beiden wird von Johnny nicht anerkannt. Ohne dass ein Wort darüber fällt, registrieren das Uwe und Heidi sofort und es erfolgt die Gegenreaktion: Johnny wird von Uwe und Heidi konsequent ignoriert. Wenn Uwe Arbeit verteilt, ist Johnny Luft, wenn Uwe Wein einschenkt, sitzt Johnny praktisch nicht am Tisch, kommt Johnny in Hörweite von Uwes Reden, stoppt der Redefluss. Ganz ähnlich reagiert Heidi. Sie können Johnny nicht einschätzen, sind unsicher. Beide sind sich nicht im klaren, ob Johnny wirklich senil und beschränkt ist oder ob das nur eine raffinierte Strategie, nur Tarnung ist. Wartet der in Wirklichkeit nur darauf, den entscheidenden Angriff zu starten? Uwe und Heidi sind auf der Hut, gehen aber vorerst auch nicht in die Offensive: Uwe lehnt von Anfang an jede Art von Freundlichkeit gegenüber Johnny konsequent ab, er sucht kein Gespräch mit ihm, stellt nicht eine Frage an Johnny. So ein Verhalten kann man sich einfach nicht leisten, wenn man hier fast schon der Vice President ist! Schliesslich geht es ja gerade darum, dass man selber jede Frage beantworten kann und keinen dazu fragen muss. Aber sie instruieren sehr geschickt Waschi, die Johnny dann ganz ungeniert interviewt. Aber mit den dabei ermittelten Daten über Alter, Familienstand und Kinder kann man nicht viel anfangen, sie lösen nicht die Frage, welche Position Johnny in der Gruppe anstrebt. Den Fall, das sich einer für Rangordnungen überhaupt nicht interessiert, gibt es in animalischen Sozialstrukturen nicht. Also muss das demonstrative Desinteresse von Johnny als höchst gefährliches Signal eingestuft werden. Jetzt heisst es wachsam und ausdauernd abzuwarten, bis sich die Gelegenheit bietet, wo zum grossen Schlag ausgeholt werden kann, mit dem gleichzeitig der Gruppe demonstriert wird: Der Alte ist erledigt, jetzt hat sich untergeordnet!

Noch ist es aber nicht so weit. ‚Johnny, wie hoch ist die Temperatur?‘ ruft Uwe im zackigen Befehlston zu Johnny rüber, als wir oben auf dem glühenden Plateau vor dem Jim Jim Falls eine Pause machen. Alle stehen in der glühenden Sonne, Johnny ist 50 Meter weitergegangen und hat es sich auf kühlen Steinen im Schatten eines der wenigen Bäume bequem gemacht. ‚Ich hab‘ heute noch nicht nachgesehen!‘ ruft Johnny zurück und denkt nicht im Traum daran, das Thermometer aus seinem Rucksack zu holen. Stunden später, auf dem Rückweg, fast an der gleichen Stelle, legt er ungefragt das Digitalthermometer bei einer ähnlichen Rast auf die heissen Steine: Die ganze Gruppe steht um das Thermometer herum und beobachtet, wie es über 50 Grad klettert. Selbst Heidi staunt, aber Uwe sieht sich das demonstrativ nicht an. Er erkundet für Yvonne den weiteren Weg, obwohl das völlig unnötig ist.

Die nächste Kollision folgt ein paar Stunden später. Johnny sitzt auf dem hintersten Platz des 4WD, weil er da an der Tür seinen etwas grösseren Rucksack gut unterbringen kann. Alle sind schon im Auto, nur Heidi fotografiert noch draussen. Ihr Platz ist neben Johnny frei. Dann kommt sie angerannt und mit einer herrischen Handbewegung und ‚Rush !!‘ bedeutet sie Johnny, dass er einen Platz weiter rücken soll. Aber Johnny bleibt sitzen, guckt Ihr voll ins Gesicht und sagt mit unendlicher Ruhe: ‚Please, Sir !! ... That must be !‘ Alle haben das gehört und beobachten, was jetzt geschieht. Heidi ist verwirrt, irritiert und stottert: ‚Ja, ja, Bitte!‘ Da erst rutscht Johnny einen Platz weiter.

Das sind Revierkämpfe, was sonst. Einen Höhepunkt erreichen die bis dahin wortlosen Auseinandersetzungen in der Story mit cooker, cook und chief. Es war faszinierend zu sehen, wie Heidi mit aller Macht wenigstens hier einen Sieg davon tragen wollte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, hatten einen hypnotisierenden, fanatischen Ausdruck. Sie setzte alles daran um hier zu beweisen, wer besser die Vokabeln beherrscht. Völlig unverständlich und wieder absolut irritierend aber war für sie, dass sich Johnny überhaupt nicht auf eine solche Auseinandersetzung einliess. Jetzt und hier musste doch ein für alle Mal bewiesen werden, wer hier die letzte Instanz in English ist !! Aber Johnny wich aus, zeigte wieder dieses entsetzliche Desinteresse. Er räumte ein, dass cooker vielleicht der falsche Begriff sein könnte, aber war das ein Problem? Für Johnny nicht. Heidi aber war ihrem Ziel so nahe, hier war sie sich so sicher, endlich mal gewinnen und ihre Überlegenheit gegenüber Johnny demonstrieren zu können. Wie schade, dass die ganze Gruppe nicht dabei war! Aber Johnny liess sich gar nicht auf dieses Kräftemessen ein. So ein Jammer! Frustriert musste sie aufgeben.

18:50 Uhr, Sunland CarPark, Cairns

Gerne hätte ich als Johnny dieses Spielchen noch eine Woche länger mit Uwe und Heidi gespielt. Sicher wären dann Uwe und ich zu Intimfeinden geworden. Nicht nur, weil wir uns beide gegenseitig nie akzeptieren würden, sondern weil wir völlig andere Wertvorstellungen, einen ganz anderen beruflichen Hintergrund und eine so unterschiedliche Vergangenheit haben. Am erstaunlichsten aber war für mich ein methodischer Aspekt: Bei diesen Auseinandersetzungen kamen ausschliesslich emotionale Verfahren zur Anwendung. Es wurde auch nicht der leiseste Versuch gemacht, das Problem rational anzugehen. Mit meinen Erfahrungen nach der Wende sind diese beiden die exemplarischen Besser-Wessis: Keine Ahnung aber gerade deshalb ausgestattet mit einem unbegrenztes Selbstvertrauen und der absoluten Heilsgewissheit.

Aber im Grunde genommen geht es hier nicht um Uwe und Heidi und auch nicht um den Besser-Wessi. Es geht unabhängig von Ost und West um die sozialen Beziehungen in einer zufällig zusammengewürfelten Gruppe von Leuten, die unter schwierigen Bedingungen gezwungen sind, miteinander auszukommen. Es ist hoch interessant, dass und wie sich in einer solchen Situation schlagartig wieder die steinzeitlichen Verhaltensweisen einstellen. In jeder beliebig zusammengewürfelten Gruppe von Menschen gibt es mehr oder weniger ausgeprägte Typen, die in einer solchen Situation am Anfang neue Regeln für das Zusammenleben definieren und aushandeln. Absolut erstaunlich ist, dass das weitestgehend ohne verbale Absprachen von statten geht, von einer rationalen Problemanalyse und der Konstituierung einer Aufgabenstellung ganz zu schweigen. Die dabei angewendeten Verfahren sind archaisch und animalisch. Sie basieren auf emotionalen Verhaltensmustern und kommt fast völlig ohne intellektuelle Komponenten aus.

In jeder kleinen Gruppe gibt es, mehr oder weniger ausgeprägt, einen solchen Typ wie Uwe. Uwe ist der Typ ‚Politiker‘. Dieser Typ besitzt den unbedingten und bedingungslosen Machtwillen, aber kaum fachliche Kompetenz. Das Selbstbewusstsein ist weit übersteigert. Wegen mangelndem Fachwissen ist er weder zu einer angemessenen Selbsteinschätzung noch zur analytischen Beurteilung der aktuellen Lage imstande. Für ihn zählt in erster Linie die Selbstdarstellung. Notwendige Problemlösungen sind lästige Nebenerscheinungen.

Heidi ist der Typ ‚Schmarotzer‘. Dieser Typ ist klüger als der Politiker und hat erkannt, dass er einfacher zum Ziel gelangt, wenn er hinter einem Bulldozer hinterher fährt. Damit schont er seine Recourcen und ist unter günstigen Bedingungen sogar in der Lage, den Bulldozer zu überholen und sich selber an die Spitze zu setzen. Das Ziel wird aber in Reserve gehalten. Vorerst wird der Bulldozer bei seiner Fahrt durch vermintes Gelände bis zur Selbstaufgabe unterstützt. Wahrheit und Moral sind dabei keine Werte, auf die Rücksicht zu nehmen ist, die Skrupellosigkeit des Schmarotzers ist noch grösser, als die des Politikers.

In einer solchen Gruppe gibt es mit Sicherheit mindestens einen, der genügend fachliche Kompetenz besitzt, vieles kann, der aber keinen Ehrgeiz hat, keinen ‚Machtinstinkt‘. Er arbeitet gerne und viel, aber lieber und auch viel effektiver im Hintergrund. Das ist der Typ ‚Graue Eminenz‘. Auf diese Rolle wollte Johnny hinaus. Sobald der Politiker den Typ ‚Graue Eminenz‘ identifiziert hat und klug genug ist, vereinbart er mit ihm eine für beide Seiten vorteilhaftes Agreement: Die Eminenz macht dem Politiker nicht die Macht streitig, sondern liefert ihm die fehlende Fachkompetenz. Dafür darf sich die Eminenz die Arbeitsfelder aussuchen und der Politiker sorgt für die besten aller erreichbaren Arbeitsbedingungen. Für eine interessante Problemstellung und hervorragende Arbeitsbedingungen ist Eminenz zu fast jeder Gegenleistung bereit. Deshalb ist der ‚Fachidiot‘ eine Untermenge von Eminenz.

Yvonne ist der klassische Typ des ‚Machers‘. Sie ist praktisch veranlagt, fragt nie nach theoretischen Lösungsvarianten oder nach wissenschaftlichen Grundlagen, für sie zählt nur die Opportunität und die möglichst sofortige Lösung des akuten Problems. Der Macher ist pragmatisch und hat genug Power, den Politiker in Schacht zu halten. Sein Machtinstinkt ist nicht so gross wie der des Politikers, aber er agiert nach dem Motto: Der Stress geht mir auf den Nerv, aber wenn der Politiker das Ruder übernimmt, wird der Stress noch grösser. Also mache ich es lieber selber.

Der grösste Teil auch der kleinsten Gruppe, besteht aus Menschen des Typs ‚Sklave‘. Selber inkompetent und inaktiv, aber willig, ja glücklich, wenn Befehle erteilt werden, die die eigene Entscheidung überflüssig machen. Sklaven sind die geborenen Claqueure, ‚Sympathisanten‘ und Mitläufer. Ohne diesen Typ gäbe es keine Politik, keinen Wahlkampf und keine Parteien. Deshalb leben Politiker immer in Symbiose mit Sklaven. Beide ziehen Nutzen daraus und so entsteht ‚Das Volk‘. Der Sklave ist pflegeleicht und mit Fressen, Ficken und Fernsehen ruhig zu stellen. In verschiedenen Schattierungen sind das die Dänen. In Reinkultur ist dieser Typ bei Wischi und Waschi zu beobachten.

Zu welchem Typ gehört Christoph? Er ist faul und maulfaul, er möchte möglichst bequem über den Tag kommen und in Ruhe gelassen werden. Nur, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, wird er selber aktiv, dann aber ist er in weiten Bereichen kompetent und qualifiziert. Er hat das Zeug zum Macher, aber es ist ihm viel angenehmer, bedient zu werden. Christoph ist der Typ des ‚Geniessers‘. Allerdings nicht in Reinkultur, dazu kann er viel zu viel.

Eine interessante Klassifikation! Welche Typen fehlen, um eine solche Gruppensituation geschlossen beschreiben zu können? Der aggressive, unbeherrschte Choleriker, der schwermütige Pessimist, der Visionär und Spinner. Man muss noch mehr auf Reisen gehen, um diese Klassifikation zu vervollständigen! Ich habe mich auch (noch) nicht in der Fachliteratur informiert. Da gibt es natürlich solche Klassifikationen. Aber ich wollte mir erst mal selber dazu ein Bild machen. Erstaunlich ist, dass man in einer Gruppe von ca. 25 bis 30 Personen alle diese Typen wiederfindet, allerdings in unterschiedlich deutlicher Ausprägung:

 

Politiker

Sklave Pessimist      

Macher

Geniesser Visionär      

Choleriker

Schmarotzer Eminenz      

 

Mit diesem Modell (es ist nur ein Modell !!) lassen sich jetzt die interessantesten Krisenszenerien durchspielen: Was passiert, wenn unsere 10-Personen-Gruppe an das Cape York verschlagen wird: Es besteht keine Chance, in den nächsten Jahren in die Zivilisation zurück zu kehren !!? Für einen solchen Fall kann man sich viele Storys vorstellen. Eine könnte so aussehen:

Yvonne ist weiterhin der unumstrittene Chef, unterstützt von Johnny und Christoph. Diese Führungsgruppe hat die Exekutive und die Legislative in der Hand und verfügt über die dazu erforderliche Kompetenz. Die dänischen und die schweizer Sklaven müssen jeden Tag neu motiviert und angetrieben werden. Aber mit dem nötigen Druck sorgen sie für Fische, Wasser, regelmässige Mahlzeiten und Ordnung. Heidi hat mehrere Nervenzusammenbrüche hinter sich. Uwe ist verzweifelt und verbittert, weil man ihn nicht an die Macht lässt. Aber er hat noch nicht resigniert und kämpft für die ‚Wende‘. Alle paar Tage muss ihm mit der verbalen oder realen Keule klar gemacht werden, dass seine Stunde noch nicht gekommen ist. Uwe und Heidi wurden mit roher Gewalt aus der Gruppenhöhle exmittiert. Diese Zwangsmassnahmen waren nicht zu umgehen. Anders war keine (relative) Ruhe in die um das nackte Überleben kämpfende Mannschaft zu bekommen. Weil es keine weitere Höhle gibt, haben sie sich in Sichtweite einen überdachten Unterstand eingerichtet und warten dort auf ihre Chance.

Heidi versucht aus politischen Gründen, mit Christoph anzubändeln, der mit Linda ein Baby hat. Kerstin und Hendrik sind unzertrennlich, Kerstin hat gesundheitliche Probleme mit ihren Beinen, jetzt ist sie auch schwanger. Uwe geht verdächtig oft mit Waschi alleine zum Fischen. Johnny ist lose mit Yvonne liiert, hat aber ganz offiziell Wischi zu seiner Sekretärin und Mätresse gemacht. Es sind einfach zu wenig Männer verfügbar ...

Schon in der Schulzeit, als ich die ganze Entdeckerliteratur verschlungen habe, stellte ich mir solche Krisensituationen vor. Es wäre im höchsten Grade interessant, mal so eine Situation zu erleben ...! Aber das kann schneller Realität werden, als uns allen lieb sein kann. Ein Krieg, ein atomarer Gau oder ein gentechnischer Unfall und schon haben wir den Salat: Automatisch wird alles auf Null gestellt. Das sollte man sich lieber nicht wünschen.

21 Uhr, Sunland CarPark, Cairns

Wieder kann man sich als gelernter DDR-Bürger nur wundern, wie einfach alles sein kann: Um 5:15 Uhr sitze ich noch in dem Restaurant, wo ich gefrühstückt habe und schreibe. Mein Flug Nr. 0545 wird aufgerufen und ich gehe mit der Bordkarte in die Departure Lounge. Ich habe noch Zeit und gehe auf die Toilette, wo alles wie jeden Morgen herrlich funktioniert. Um 5:35 Uhr sitze ich in der Maschine auf meinem Fensterplatz – man muss nur fragen, dann klappt das auch. Wischi und Waschi habe ich so gegen 5 Uhr von Ferne in dem Restaurant gesehen, in dem ich vor meinem Kaffee sass. Wir hatten schon im Bush festgestellt, dass wir drei sehr früh aufstehen müssen. Aber sie sind nicht in der Boing 767, mit der ich fliege. Parallel zu dieser Maschine fliegt noch ein zweites Flugzeug nach Cairns, wahrscheinlich mit Zwischenlandung in Nhulunbuy. Wir aber fliegen non stop nach Cairns. Es ist die gleiche, aus Singapore kommende Maschine, mit der ich vor 5 Wochen mit Lia in Cairns angekommen bin. Um 5:44 Uhr sind wir in der Luft und schon fünf Minuten später ist aus einem hellen Schimmer am Horizont ein Morgenrot geworden. Das geht schnell, denn dieses Mal fliegen wir gegen die Zeit und gewinnen so wieder 30 Minuten. Leider ist nicht viel zu sehen, es ist sehr dunstig und glasig. Ich schlafe ein und verschlafe genau die Zeit, in der es Frühstück gibt. Aber das ist kein Problem, ich habe ja noch in Darwin gut gefrühstückt. Eine Cola reicht mir jetzt. In der letzten Dreiviertelstunde gibt es auch Sicht nach unten, die Küste des Gulf of Carpentaria ist gerade erreicht: Ich sehe den stark mäandernden Fluss in der ausgedorrten Landschaft wieder, den ich schon kenne. Dann kommt die herrliche Küstenlinie mit den schönen Bergen beim Anflug auf Cairns (rechts muss man sitzen !). Ich wollte keine Fotos mehr machen, aber jetzt mache ich wieder welche. Sanft setzt die Maschine um 8:19 Uhr auf. Es geht sehr schnell durch die Passkontrolle, der Rucksack kommt sofort, eine Taxe steht vor der Tür und ein paar Minuten vor 9 Uhr schliesse ich schon meine Cabin Nr. 13 im Sunland CarPark auf. 10 Minuten später läuft die Waschmaschine. ‚For ever, for ever ...‘ so rufen die Tauben hier, wenn man ankommt, wenn man sich ins Bett legt und wenn man wieder geht. Ach wäre das schön, wenn es for ever so weiter gehen könnte!

9:45 Uhr, Sunland CarPark, Cairns

Um 11:30 steige ich in den Sunbus und fahre (das letzte Mal !) in die Stadt. Das Wetter ist sehr angenehm: Warm, Sonne, Wolken, vielleicht um die 30 Grad. Man merkt die Differenz zu Darwin ganz entscheidend, auch wenn es dort nur fünf bis sieben Grad mehr sind. Der wirkliche Hammer ist dort die deutlich höhere Luftfeuchtigkeit.

Beim Internet-Service im Nightmarket ist ein Platz frei. Ich klinke mich bei Hotmail ein und siehe da: Hier liegen E-Mails von Stefan und von Conny. Gleich zwei Mails sind von Conny da, aber ich lese erst die von Stefan und antworte ihm: Alles ist o.k., es geht mir gut. Ich komme am Sonnabend zurück, Ihr braucht mich nicht abholen, ich melde mich per Telefon, wenn ich zu Hause bin.

Dann clicke ich Connys Mail an. Endlich! Es ist die erste Mail, die ich von Conny erhalte: Ein langer, sehr herzlicher Brief. Conny kann gut und flüssig schreiben. Ich freue mich wie verrückt! In der zweiten Mail schreibt er, dass er sich auch bei Hotmail eine Adresse besorgt hat: const_13@hotmail.com Ich soll ihm unbedingt eine Mail an diese Adresse schicken, die er dann in Tunesien aus dem Netz fischen wird. Und er schreibt so freiheraus und lieb, mir rutschen einfach die Beine weg. Ich sitze vor dem Rechner und die Tränen tropfen auf meine Brille, während ich die ersten Sätze an Conny schreibe. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, eine solche Mail aus dem Nichts zu fischen und auf einmal Kontakt zu seinem besten Freund zu haben. Ich habe jeden Tag und in vielen Situationen an Conny gedacht. Denn schliesslich bin ich ja wegen Conny hier. Ohne ihn wäre ich mindestens nicht 1998 nach Australien gefahren! Jetzt sehe ich endlich auch mal eine Mail von ihm vor mir auf dem Bildschirm. Ein irres Gefühl! Aber ich fange mich schnell wieder, bedanke mich für diesen Adrenalinstoss, schreibe ihm eine lange Mail an seine neue Hotmail-Adresse und hänge meinen Brief an Stefan noch dran. Hoffentlich findet er in Tunesien einen Rechner!. Genau eine Stunde hat das alles gedauert, macht sechs Dollar, die aber zahle ich heute mit Freuden.

Nach diesem emotionalen Aufruhr bin ich richtig high und nicht von dieser Welt ...! Ich leiste mir bei einem Japaner im Nightmarket die beste Seafood-Suppe, die ich je gegessen habe. So eine tolle Suppe für 11 Dollar! Und oben drauf, als krönender Abschluss, eine grosse, lange, schamhaft halb geschlossene Muschel: Ich spreize die dunklen Schalen auseinander und es verschlägt mir den Atem: Rosig, fleischfarben, feucht, mit grossen und kleinen Schamlippen und einer leicht erigierten Klitoris ... ein Anblick, der mein Blut gleich noch einmal in Wallung bringt ... Es ist geradezu unglaublich, was die Natur zustande bringt !!

Auf meinem Zettel steht: Post und Didgeridoo. Ich Stecke zwei Postkarten in den Kasten, für die ich in Darwin keine Briefmarken mehr bekommen habe. Dann höre ich mir viele Didgeridoo-CD’s an. Das Instrument ist faszinierend, ich habe es auch schon mal ¼ Stunde probiert. Es geht, aber man braucht Zeit und Ruhe dazu, man braucht den australischen Bush, mindestens im Hinterkopf. Es gibt jede Menge Didgeridoos, viele aus ganz phantastischem Holz, ganze Bäume sind zu Didgeridoos verarbeitet worden. Wie soll ich so etwas transportieren? Die CD, die ich mir dann für 26 $ kaufe, hört sich gut und authentisch an. Es ist mir unbegreiflich, wie man auf diesem Instrument mehr als eine Melodie gleichzeitig spielen kann.

 

 

Durch Zufall gerate ich anschliessend in einen Laden mit Steinen, Korallen und Muscheln ... Das ist eine meiner vielen schwachen Seiten! Ich kann nicht anders, ich muss mir das Gehäuse dieser Schnecke mit der phantastischen Graphik auf dem Rücken kaufen! Nachdem ich mir alle fünf Schnecken gründlichst angesehen habe, die hier zum gleichen Preis von 45 $ zum Verkauf stehen, entscheide ich mich für eine. Sie sind alle deutlich von einander zu unterscheiden, aber sie alle haben dieses rekursive Muster, das eigentlich nur aus einem Dreieck besteht. Es gibt inzwischen wissenschaftliche Arbeiten über die Mathematik dieses Muster, es ist das gleiche Prinzip wie beim Apfelmännchen: Ein selbstähnliches Bild, das eigentlich ganz einfach, aber gleichzeitig unendlich komplex ist. Keiner weiss, wie die Schnecke dieses Muster zustande kriegt, ohne ein Diplom in Mathematik zu haben. Wie macht sie das, wie und warum ist dieses Muster in ihren Genen fixiert? Rätselhafte Natur. Nur diese eine Schneckenart erzeugt diese auffällige Grafik und gleichzeitig ist es eine der giftigsten Schnecken, die es überhaupt gibt. Bei Gefahr schiesst sie hunderte von Giftpfeilen ab. In Sekunden wird auch ein Mensch gelähmt und nach ein paar Minuten ist er tot, denn wo bekommt er unter Wasser oder auf See so schnell einen Toxikologen her? Deswegen wird überall wo es Taucher und Schnorchler gibt, vor dieser Schnecke gewarnt: Oliva Porphyria Linnaeus 1758. Durch Zufall haben wir in Tenggol so ein (deutlich kleineres) Schneckengehäuse am Strand gefunden. Sicher hätte ich auch die Schnecke lebend angefasst, wenn ich ahnungslos ihr schönes Muster auf dem flachen Meeresgrund gesehen hätte ...!

Für meine kleine Freundin Clara nehme ich noch einen canned Koala mit. Das ist die richtige Überraschung und besser als ein totes Känguruh. Damit ist es 14:40 Uhr geworden. Ich steige wieder in den Bus und fahre zurück. In meinem Cabin steht die Luft und es ist 36 Grad warm. Kein Problem für kakadu-gestärkte Männer: Ich schlafe herrlich bis 17 Uhr. Schliesslich habe ich ja auch einiges nachzuholen. Dann koche ich mir einen Kaffee, setze mich vor die Tür, wo ein frisches Lüftchen weht und schreibe, bis mich die ersten Mücken gestochen haben. Sie beissen auch inside weiter !! Am besten helfen die Autan-Schutztücher, die mir Mami mal geschenkt hat. Besten Dank! Sie sind auch sehr praktisch, weil man sie überall gut verstauen kann. Auch wenn Uns-Uwe meint, dass sich die australischen Mücken über Autan höchstens totlachen. Ja. Es funktioniert trotzdem. Ja.

Heute abend wird nicht mehr viel: Ich werde mir die Nachrichten um 19 Uhr ansehen, danach werde ich noch eine Weile schreiben und dann gehe ich ins Bett: Die letzte Nacht in den Tropen!

18:15 Uhr, Sunland CarPark, Cairns

Jürgen Albrecht
Leipziger Strasse 47/16.03
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Fax: 030 2016 5019
E-Mail: dr.albrecht@t-online.de
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